Coach:
Ole Böseke
Tag 9: Nicht jedes Gefühl darf ans Steuer

 

So führst du ein Gefühl, ohne es zu übergehen

Heute geht es um das Gefühl, das bei dir in schwierigen Momenten am schnellsten das Steuer übernehmen will.

Ein Gefühl kann echt sein und trotzdem schlecht führen.

Das ist wichtig.

Denn viele Menschen glauben:

„Wenn ich es fühle, dann muss ich danach handeln.“

So entstehen viele alte Abläufe.

Ein Gefühl steigt auf.

Der Körper reagiert.

Der Satz kommt.

Die alte Rolle übernimmt.

Das Gespräch kippt.

Heute trainierst du eine andere Bewegung.

Du nimmst dein Gefühl ernst.

Aber du gibst ihm nicht automatisch die Führung.

Die heutige Übung

Du arbeitest heute mit einem Gefühl.

Bitte wähle nur eins.

Nimm das Gefühl, das in eurer Beziehung am schnellsten übernimmt.

Vielleicht ist es:

Wut

Angst

Scham

Ohnmacht

Panik

Traurigkeit

Eifersucht

Enttäuschung

Einsamkeit

Nimm das Gefühl, das du am besten kennst.

Du füllst vier Sätze aus:

Wenn dieses Gefühl fährt, mache ich …

Danach passiert meistens …

Wenn ich führe, obwohl dieses Gefühl da ist, mache ich …

Mein Führungssatz lautet …

Nimm dir dafür 15 bis 20 Minuten.

Schritt 1

Wenn dieses Gefühl fährt, mache ich …

Hier beschreibst du, was passiert, wenn das Gefühl die Führung übernimmt.

Bitte bleib konkret.

Wenn Wut fährt, wirst du vielleicht laut, spitz oder ungerecht.

Wenn Angst fährt, fragst du vielleicht zu oft nach, suchst sofort Sicherheit oder versuchst, ihn zu einer Antwort zu bewegen.

Wenn Scham fährt, ziehst du dich vielleicht zurück, machst dich innerlich klein oder tust so, als sei dir alles egal.

Wenn Ohnmacht fährt, versuchst du vielleicht, Kontrolle zurückzubekommen.

Wenn Panik fährt, willst du vielleicht sofort eine Entscheidung, eine Antwort, ein Zeichen.

Schreibe:

Wenn dieses Gefühl fährt, mache ich …

Beispiele:

„Wenn meine Angst fährt, stelle ich drei Fragen hintereinander und lasse keine Pause.“

„Wenn meine Wut fährt, werde ich spitz und will Wirkung erzeugen.“

„Wenn meine Scham fährt, sage ich nichts mehr und tue so, als sei ich unberührt.“

„Wenn meine Ohnmacht fährt, kontrolliere ich Dinge, die ich eigentlich direkt ansprechen müsste.“

Schritt 2

Danach passiert meistens …

Jetzt schaust du auf die Folge.

Was passiert, wenn dieses Gefühl fährt?

Wird das Gespräch besser?

Oder entsteht wieder der alte Ablauf?

Vielleicht wird er defensiver.

Vielleicht ziehst du dich danach zurück.

Vielleicht fühlst du dich später erschöpft.

Vielleicht ist dein Anliegen nicht mehr zu erkennen, weil dein Verhalten im Vordergrund steht.

Vielleicht schämst du dich danach für deinen Ton.

Vielleicht bist du kurz erleichtert, aber später wieder unsicher.

Schreibe:

Danach passiert meistens …

Beispiele:

„Danach verteidigt er sich und mein eigentliches Anliegen verschwindet.“

„Danach fühle ich mich kurz stärker, aber später einsamer.“

„Danach zieht er sich zurück und ich habe noch mehr Angst.“

„Danach tue ich so, als sei nichts, aber innerlich bleibt alles offen.“

Schritt 3

Wenn ich führe, obwohl dieses Gefühl da ist, mache ich …

Jetzt kommt der neue Trainingspunkt.

Das Gefühl darf da sein.

Du musst es nicht wegdrücken.

Du musst auch nicht warten, bis du völlig ruhig bist.

Du trainierst Führung, während das Gefühl da ist.

Das kann so aussehen:

Bei Wut:

„Ich spreche langsamer und sage nur den aktuellen Punkt.“

Bei Angst:

„Ich stelle eine klare Frage und lasse dann Raum für eine Antwort.“

Bei Scham:

„Ich sage, dass mich etwas getroffen hat, ohne mich zu verstecken.“

Bei Ohnmacht:

„Ich benenne, was ich brauche, statt Kontrolle aufzubauen.“

Bei Panik:

„Ich gebe mir Zeit, bevor ich eine Entscheidung erzwinge.“

Schreibe:

Wenn ich führe, obwohl dieses Gefühl da ist, mache ich …

Wichtig:

Führen heißt hier nicht, dass du perfekt reagierst.

Führen heißt:

Das Gefühl ist da, aber es entscheidet nicht allein.

Schritt 4

Mein Führungssatz lautet …

Jetzt formulierst du einen Satz, der dir im Moment hilft.

Er soll kurz sein.

Er soll zu dir passen.

Und er soll dich daran erinnern, dass du wieder eine Hand am Steuer hast.

Beispiele:

„Ich bin wütend. Ich spreche trotzdem so, dass mein Anliegen erkennbar bleibt.“

„Ich habe Angst. Ich muss deshalb nicht sofort Druck machen.“

„Ich schäme mich. Ich verschwinde trotzdem nicht komplett.“

„Ich fühle mich machtlos. Ich kontrolliere jetzt nicht, ich benenne meinen Punkt.“

„Ich bin traurig. Ich darf klar bleiben.“

„Ich bin gerade voller Druck. Ich muss nicht sofort entscheiden.“

Wähle einen Satz, den du wirklich sagen kannst.

Vielleicht nur innerlich.

Vielleicht auch laut.

Schreibe:

Mein Führungssatz lautet …

Ein Beispiel

Gefühl: Angst

Wenn dieses Gefühl fährt, mache ich …

Ich frage immer wieder nach und will sofort wissen, woran ich bin.

Danach passiert meistens …

Er zieht sich zurück, ich werde noch unruhiger, und am Ende geht es gar nicht mehr um mein eigentliches Anliegen.

Wenn ich führe, obwohl dieses Gefühl da ist, mache ich …

Ich stelle eine klare Frage und lasse danach eine Pause.

Mein Führungssatz lautet …

„Ich habe Angst. Ich muss deshalb nicht drängen.“

Noch ein Beispiel

Gefühl: Wut

Wenn dieses Gefühl fährt, mache ich …

Ich werde spitz und will, dass er endlich merkt, was er da macht.

Danach passiert meistens …

Er verteidigt sich, und mein eigentlicher Punkt verschwindet hinter meinem Ton.

Wenn ich führe, obwohl dieses Gefühl da ist, mache ich …

Ich sage nur den aktuellen Punkt und mache eine Pause, bevor ich weiterspreche.

Mein Führungssatz lautet …

„Ich bin wütend. Ich will trotzdem nicht verletzen.“

Wenn du mehrere Gefühle findest

Vielleicht sind es bei dir mehrere.

Erst Angst. Dann Wut.

Erst Scham. Dann Rückzug.

Erst Traurigkeit. Dann Kontrolle.

Das ist normal.

Für heute wählst du trotzdem nur eins.

Nimm das Gefühl, das am häufigsten das Steuer übernimmt.

Oder das Gefühl, das am meisten Schaden anrichtet, wenn es fährt.

Ein Gefühl reicht für diesen Tag.

Was du heute nicht tun musst

Du musst dein Gefühl heute nicht wegmachen.

Du musst es auch nicht perfekt erklären.

Du musst deinem Partner nicht sagen:

„Ich arbeite heute an meiner Emotionsregulation.“

Bitte erspar euch beiden diesen Satz.

Heute geht es um eine einfache innere Bewegung:

Ich merke, welches Gefühl gerade fahren will.

Und ich entscheide, wie ich handeln will.

Tagesaufgabe

Fülle diese vier Sätze aus:

Wenn dieses Gefühl fährt, mache ich …

Danach passiert meistens …

Wenn ich führe, obwohl dieses Gefühl da ist, mache ich …

Mein Führungssatz lautet …

Lies danach Deinen Führungssatz laut.

Mehrmals.

So, dass er deinem Mund bekannt wird.

Denn im Ernstfall findest du eher einen Satz, den du schon einmal gesprochen hast.

Mini-Transfer für den Alltag

Achte heute auf diesen Moment:

Welches Gefühl will gerade das Steuer übernehmen?

Du musst nicht sofort alles anders machen.

Bemerken ist der Anfang.

 

Merksatz

Ein Gefühl darf mitfahren. Es muss nicht lenken.

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