Coach:
Ole Böseke
Tag 1: Der Ablauf, der euch immer wieder einholt

Heute geht es um eine einfache, aber ziemlich unbequeme Beobachtung:

Viele Beziehungskrisen wirken komplizierter, als sie im Alltag tatsächlich ablaufen.

 

Natürlich gibt es Vorgeschichte. Natürlich gibt es Verletzungen. Natürlich gibt es Gründe, warum du auf bestimmte Dinge empfindlich reagierst. Das alles darf stimmen.

 

Für diese Übung schauen wir aber nur auf den Ablauf.

Nicht auf die ganze Beziehung.

Nicht auf seine Kindheit.

Nicht auf deine Vergangenheit.

Nicht auf die Frage, wer recht hat.

Nur auf eine typische Szene.

 

Denn genau dort beginnt Training.

Du brauchst für diese Übung keine perfekte Analyse. Du brauchst nur eine Situation, die du gut kennst. Eine Szene, bei der du schon beim ersten Satz spürst: „Ach nein. Nicht wieder diese Strecke.“

Vielleicht ist es ein Gespräch über Haushalt.

Vielleicht geht es um sein Handy.

Vielleicht um Nähe.

Vielleicht um Geld.

Vielleicht um seine Ausweichmanöver.

Vielleicht um deinen Ton.

Vielleicht um etwas scheinbar Kleines, das trotzdem jedes Mal größer wird.

Wichtig ist: Nimm keine Ausnahme. Nimm keinen großen Sonderfall. Nimm eine Szene, die typisch ist.

Eine, die bei euch immer wieder ähnlich läuft.

Die Übung besteht aus sechs Schritten.

Schritt 1: Der Auslöser

Was passiert zuerst?

Bitte bleib hier ganz konkret.

Nicht:

„Er ist immer so respektlos.“

Sondern:

„Ich frage ihn beim Abendessen, ob er am Wochenende mit zu meinen Eltern kommt.“

Oder:

„Ich sehe, dass er wieder am Handy ist, obwohl ich gerade mit ihm rede.“

Oder:

„Ich spreche an, dass ich mich seit Tagen allein fühle.“

Der Auslöser ist der erste Stein. Noch keine Bewertung. Nur das, was tatsächlich passiert.

Schreib auf:

Der Auslöser ist: …

Schritt 2: Seine erste Reaktion

Was macht oder sagt er dann?

Auch hier bitte keine Deutung.

Nicht:

„Er nimmt mich wieder nicht ernst.“

Sondern:

„Er sagt: Muss das jetzt sein?“

„Er verdreht die Augen.“

„Er schaut weiter aufs Handy.“

„Er sagt gar nichts.“

„Er wird laut.“

„Er macht einen Witz.“

„Er verlässt den Raum.“

Das klingt klein. Ist es aber nicht.

Hier beginnt oft die alte Strecke.

Schreib auf:

Seine erste Reaktion ist: …

Schritt 3: Was passiert in dir?

Jetzt wird es wichtig.

Was löst seine Reaktion in dir aus?

Wirst du eng?

Wirst du heiß?

Wirst du traurig?

Wirst du panisch?

Wirst du wütend?

Fällst du innerlich zusammen?

Denkst du sofort: „Ich bin ihm egal“?

Oder:

„Ich muss jetzt stärker werden, sonst nimmt er mich gar nicht ernst“?

Viele springen an dieser Stelle direkt zu dem, was sie sagen. Aber vorher passiert etwas in dir.

Dieses Vorher interessiert uns.

Schreib auf:

In mir passiert dann: …

Schritt 4: Deine Reaktion

Was machst du dann?

Erklärst du mehr?

Wirst du lauter?

Ziehst du dich zurück?

Machst du eine Spitze?

Sagst du: „Vergiss es“?

Wirst du besonders sachlich, obwohl du innerlich kochst?

Fängst du an, Beweise aufzuzählen?

Entschuldigst du dich, obwohl du eigentlich verletzt bist?

Auch hier gilt: Nicht schönreden. Nicht anklagen. Nur sehen.

Schreib auf:

Ich reagiere dann meistens so: …

Schritt 5: Was passiert danach zwischen euch?

Jetzt kommt der Teil, den viele übersehen.

Was entsteht zwischen euch?

Wird es lauter?

Wird es kalt?

Geht einer weg?

Geht es plötzlich um den Ton?

Geht es um alte Geschichten?

Macht einer dicht?

Wird das eigentliche Thema komplett verlassen?

Der alte Ablauf hat oft eine Art Eigenleben. Irgendwann geht es gar nicht mehr um den Anlass.

Es geht nur noch ums Überleben im Gespräch.

Schreib auf:

Danach passiert zwischen uns meistens: …

Schritt 6: Wie endet es?

Wie endet diese Szene typischerweise?

Mit Streit?

Mit Schweigen?

Mit einem halben Frieden?

Mit Sex, aber ohne Klärung?

Mit „Ist schon gut“?

Mit Rückzug?

Mit tagelanger Spannung?

Mit dem Gefühl, dass wieder nichts gelöst wurde?

Das Ende ist wichtig, weil es zeigt, was ihr eigentlich trainiert.

Vielleicht trainiert ihr nicht Streit. Vielleicht trainiert ihr Rückzug.

Vielleicht trainiert ihr nicht Klärung. Vielleicht trainiert ihr Erschöpfung.

Vielleicht trainiert ihr nicht Nähe. Vielleicht trainiert ihr vorsichtige Höflichkeit.

Schreib auf:

Am Ende steht meistens: …

Deine Tagesaufgabe

Beschreibe heute genau eine typische Szene in diesen sechs Schritten:

Der Auslöser

Seine erste Reaktion

Was in dir passiert

Deine Reaktion

Was danach zwischen euch passiert

Wie es endet

Nimm dir dafür 15 bis 20 Minuten.

Bitte nicht drei Szenen. Nicht das ganze Beziehungsarchiv. Eine reicht.

Wenn du merkst, dass du abschweifst, komm zurück zum Ablauf.

Die Frage lautet heute nicht:

„Warum ist er so?“

Die Frage lautet:

Wie läuft es bei uns immer wieder ab?

Das ist der Anfang.

Denn ein Ablauf, den du erkennst, hat schon ein kleines Stück seiner Macht verloren.

Merksatz

Was sich ständig wiederholt, ist kein Zufall mehr. Es ist Training.

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