Coach:
Ole Böseke
Tag 4: Deine Rolle im alten Spiel

Lektionstext Tag 4

So erkennst du deine Rolle im alten Spiel

Heute geht es um deine Rolle im alten Muster.

Das klingt vielleicht erst einmal unangenehm.

Rolle klingt nach: „Ich spiele etwas vor.“

So ist es hier nicht gemeint.

Eine Rolle ist das Verhalten, das du immer wieder übernimmst, sobald euer alter Ablauf beginnt.

Nicht geplant.

Nicht abgesprochen.

Nicht fair verteilt.

Aber vertraut.

Vielleicht wirst du zur Dränglerin.

Vielleicht zur Friedenshalterin.

Vielleicht zur Klägerin.

Vielleicht zur Erklärerin.

Vielleicht zur Detektivin.

Vielleicht zur stillen Abwesenden.

Vielleicht zur Funktionierenden.

Vielleicht zur Frau, die am Ende doch wieder alles allein macht.

Heute geht es nicht darum, dich dafür anzuklagen.

Eine Rolle entsteht oft, weil sie irgendwann einmal geholfen hat.

Vielleicht hast du gedrängt, weil sonst nie geredet wurde.

Vielleicht hast du Frieden gehalten, weil jeder Streit dich erschöpft hat.

Vielleicht hast du Beweise gesammelt, weil deine Wahrnehmung ständig infrage gestellt wurde.

Vielleicht hast du erklärt, weil du gehofft hast, dass ein einziger Satz endlich ankommt.

Das alles kann verständlich sein.

Aber eine verständliche Rolle kann trotzdem teuer werden.

Solange du diese Rolle spielst, bleibt das alte Muster oft stabil.

Auch dann, wenn du innerlich längst keine Lust mehr darauf hast.

Heute suchst du also nicht die große Lösung.

Du suchst deine Rolle.

Und du prüfst, was möglich wäre, wenn du sie für einen Moment verlässt.

Die heutige Übung

Du arbeitest heute mit vier Satzanfängen:

In unserem alten Spiel bin ich oft die …

Diese Rolle übernehme ich besonders, wenn …

Der Preis dieser Rolle ist …

Wenn ich diese Rolle einen Moment verlasse, könnte ich …

Nimm dir dafür 15 bis 20 Minuten.

Bitte nimm wieder nur eine typische Szene.

Keine Generalabrechnung.

Kein Beziehungsarchiv.

Keine Doktorarbeit über zehn Jahre.

Eine Rolle reicht.

Schritt 1

In unserem alten Spiel bin ich oft die …

Wähle eine Formulierung, die wirklich passt.

Nicht die schönste.

Nicht die harmloseste.

Die ehrlichste.

Vielleicht bist du oft:

die Dränglerin

die Friedenshalterin

die Klägerin

die Erklärerin

die Detektivin

die stille Abwesende

die Funktionierende

die Verantwortliche für alles

die, die am Ende wieder nachgibt

die, die innerlich schon weg ist

die, die Stimmung rettet

die, die alles im Blick hat

die, die immer noch eine Chance gibt

Vielleicht passt keine dieser Rollen ganz genau.

Dann formuliere deine eigene.

Zum Beispiel:

„In unserem alten Spiel bin ich oft die, die versucht, aus zwei Erwachsenen wieder ein Gespräch zu bauen.“

Oder:

„In unserem alten Spiel bin ich oft die, die so lange Verständnis zeigt, bis sie selbst nicht mehr vorkommt.“

Oder:

„In unserem alten Spiel bin ich oft die, die äußerlich ruhig bleibt und innerlich kündigt.“

Schreibe:

In unserem alten Spiel bin ich oft die …

Schritt 2

Diese Rolle übernehme ich besonders, wenn …

Jetzt wird es konkret.

Wann springt diese Rolle an?

Wenn er ausweicht?

Wenn er genervt reagiert?

Wenn er schweigt?

Wenn du dich nicht ernst genommen fühlst?

Wenn du Angst bekommst, dass wieder nichts geklärt wird?

Wenn du merkst, dass du allein mit dem Thema bist?

Wenn du spürst, dass die Verbindung dünn wird?

Wenn du merkst, dass er innerlich schon weg ist?

Bleib bei einer echten Situation.

Nicht:

„Immer, wenn er schwierig ist.“

Besser:

„Diese Rolle übernehme ich besonders, wenn ich etwas anspreche und er nach zwei Sätzen sagt: Können wir das jetzt lassen?“

Oder:

„Diese Rolle übernehme ich besonders, wenn er schweigt und ich die Stille nicht aushalte.“

Oder:

„Diese Rolle übernehme ich besonders, wenn ich merke, dass ich keine klare Antwort bekomme.“

Schreibe:

Diese Rolle übernehme ich besonders, wenn …

Schritt 3

Der Preis dieser Rolle ist …

Jetzt geht es um den Preis.

Jede Rolle hat einen Nutzen.

Die Dränglerin sorgt dafür, dass Themen nicht komplett verschwinden.

Die Friedenshalterin verhindert vielleicht offene Eskalation.

Die Detektivin schützt sich vor dem Gefühl, naiv zu sein.

Die Erklärerin versucht, Verbindung herzustellen.

Die Funktionierende hält den Alltag am Laufen.

Aber jede Rolle hat auch einen Preis.

Und heute interessiert genau dieser Preis.

Was kostet dich diese Rolle?

Energie?

Leichtigkeit?

Nähe?

Selbstachtung?

Klarheit?

Lust auf ihn?

Ruhe in dir?

Wärme?

Weichheit?

Dein Gefühl, als Frau gesehen zu werden?

Bitte schreibe nicht nur:

„Es kostet mich Kraft.“

Das stimmt vermutlich. Es ist aber zu allgemein.

Schreib genauer.

Zum Beispiel:

„Der Preis ist, dass ich mich wie seine Mutter fühle.“

„Der Preis ist, dass ich immer angespannter werde.“

„Der Preis ist, dass ich mich selbst nicht mehr attraktiv finde.“

„Der Preis ist, dass ich gar nicht mehr weich werden kann.“

„Der Preis ist, dass ich zwar Frieden halte, aber innerlich kündige.“

„Der Preis ist, dass ich am Ende die Beziehung verwalte, statt sie zu erleben.“

Schreibe:

Der Preis dieser Rolle ist …

Schritt 4

Wenn ich diese Rolle einen Moment verlasse, könnte ich …

Jetzt kommt der kleine Ausstieg.

Bitte keine Heldinnenszene.

Du musst heute nicht dein ganzes Verhalten umstellen.

Ein Moment reicht.

Wenn du die Erklärerin bist, könntest du deinen Punkt einmal sagen und dann aufhören.

Wenn du die Detektivin bist, könntest du direkt nach dem fragen, was du wissen musst.

Wenn du die Friedenshalterin bist, könntest du sagen:

„Für mich ist das gerade nicht geklärt.“

Wenn du die Dränglerin bist, könntest du ein Gespräch beenden, wenn er gar nicht wirklich teilnimmt.

Wenn du die stille Abwesende bist, könntest du einen echten Satz sagen statt gar nichts.

Wenn du die Funktionierende bist, könntest du eine Sache liegen lassen, die du sonst automatisch übernimmst.

Wichtig ist:

Du verlässt die Rolle nicht, um ihn zu bestrafen.

Du verlässt sie, um wieder eine Wahl zu haben.

Schreibe:

Wenn ich diese Rolle einen Moment verlasse, könnte ich …

Ein Beispiel

Situation:

Ich spreche an, dass wir kaum noch richtig miteinander reden. Er sagt: „Nicht schon wieder.“

In unserem alten Spiel bin ich oft die …

… Erklärerin, die versucht, ihm verständlich zu machen, warum das wichtig ist.

Diese Rolle übernehme ich besonders, wenn …

… er ausweicht oder so tut, als sei das Thema übertrieben.

Der Preis dieser Rolle ist …

… dass ich mich nachher klein, müde und peinlich bemüht fühle.

Wenn ich diese Rolle einen Moment verlasse, könnte ich …

… sagen: „Ich erkläre es nicht zum fünften Mal. Für mich bleibt das Thema wichtig. Wir können später weiterreden, wenn du wirklich teilnehmen willst.“

Das ist kein Angriff.

Das ist ein Ausstieg aus der alten Rolle.

Noch ein Beispiel

Situation:

Er ist genervt. Du merkst sofort: Wenn du jetzt etwas sagst, wird der Abend schwierig.

In unserem alten Spiel bin ich oft die …

… Friedenshalterin.

Diese Rolle übernehme ich besonders, wenn …

… ich spüre, dass seine Stimmung kippt.

Der Preis dieser Rolle ist …

… dass ich mich selbst kaum noch ernst nehme und innerlich immer weiter weg gehe.

Wenn ich diese Rolle einen Moment verlasse, könnte ich …

… ruhig sagen: „Ich will keinen Streit. Aber ich tue jetzt auch nicht so, als wäre für mich alles in Ordnung.“

Das ist keine Eskalation.

Das ist ein ehrlicher Satz.

Wenn du mehrere Rollen erkennst

Vielleicht denkst du jetzt:

„Mist. Ich bin gleich drei davon.“

Kann sein.

Viele Rollen wechseln je nach Situation.

Bei Rückzug wirst du vielleicht zur Dränglerin.

Bei Kritik wirst du klein.

Bei Unsicherheit wirst du zur Detektivin.

Bei Erschöpfung wirst du zur stillen Abwesenden.

Für heute nimmst du trotzdem nur eine Rolle.

Die, die in letzter Zeit am häufigsten war.

Oder die, die dich am meisten kostet.

Ein Kurs wirkt nicht, weil man alles auf einmal sieht.

Er wirkt, wenn man eine Stelle wirklich sauber sieht.

Was du heute nicht tun musst

Du musst deinem Partner nicht erklären, welche Rolle du entdeckt hast.

Du musst ihn auch nicht auf seine Rolle hinweisen.

Sehr verlockend, ich weiß.

„Ich habe meine Rolle gefunden. Und übrigens: Deine ist auch ziemlich klar.“

Bitte heute nicht.

Heute bleibt der Blick bei dir.

Nicht, weil er unwichtig ist.

Sondern weil dein erster Hebel dort liegt, wo du tatsächlich etwas anders machen kannst.

Tagesaufgabe

Schreibe diese vier Sätze vollständig auf:

In unserem alten Spiel bin ich oft die …

Diese Rolle übernehme ich besonders, wenn …

Der Preis dieser Rolle ist …

Wenn ich diese Rolle einen Moment verlasse, könnte ich …

Lies dir danach alles einmal laut vor.

Nicht, um dich schlecht zu fühlen.

Lies es laut, damit du hörst, welche Rolle du bisher mitgetragen hast.

Manchmal beginnt Veränderung mit einem Satz, bei dem man denkt:

„Mist. Genau das bin ich.“

Das ist kein schöner Moment.

Aber ein brauchbarer.

Mini-Transfer für den Alltag

Achte heute nur auf diesen einen Punkt:

Wann greife ich automatisch zu meiner alten Rolle?

Du musst sie heute noch nicht meisterhaft verlassen.

Du sollst sie früher bemerken.

Das reicht.

 

Merksatz

Du musst nicht schuld sein, um eine Rolle nicht mehr zu spielen.

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