Coach:
Ole Böseke
Tag 5: Die Kooperationsschwelle

Tag 5

Die Kooperationsschwelle

 

So findest du deine Kooperationsschwelle

Heute geht es um den Punkt, an dem ein Gespräch kippt.

Nicht äußerlich.

Innerlich.

Von außen kann alles noch halbwegs normal aussehen.

Ihr sitzt noch da.

Ihr redet noch.

Die Sätze klingen vielleicht sogar vernünftig.

Aber in dir ist die Tür schon halb zu.

Dein Körper wird enger.

Deine Stimme verändert sich.

Dein Blick wird härter.

Dein Kopf sucht nach dem nächsten Beweis.

Du hörst nicht mehr richtig zu.

Du wartest nur noch auf den Moment, in dem du deinen Satz unterbringen kannst.

Das ist die Kooperationsschwelle.

Bis zu dieser Schwelle ist ein Gespräch noch gut führbar.

Nach dieser Schwelle läuft oft nur noch das alte Muster.

Dann redet ihr zwar weiter, aber innerlich seid ihr schon im Verteidigungsmodus.

Viele Frauen machen genau dort weiter.

Sie versuchen, noch vernünftiger zu sprechen.

Noch besser zu erklären.

Noch ruhiger zu bleiben.

Noch einen Anlauf zu nehmen.

Das ist verständlich.

Aber oft bringt es nichts.

Denn nach der Kooperationsschwelle geht es selten noch um Einsicht.

Es geht um Schutz.

Um Angriff.

Um Rückzug.

Um Recht behalten.

Um nicht verlieren.

Um irgendwie durchkommen.

Heute lernst du deine Warnzeichen kennen.

Du sollst früher merken:

Ich bin gerade nicht mehr gut im Gespräch.

Das ist kein Scheitern.

Das ist Selbstführung.

Die heutige Übung

Du notierst heute deine persönlichen Warnzeichen.

Nicht allgemein.

Nicht schön formuliert.

Nicht aus einem Buch.

Deine echten Zeichen.

Du arbeitest mit sieben Punkten:

Mein Körper

Meine Stimme

Meine Gedanken

Mein Blick

Mein Tempo

Mein typischer Satz

Mein Stoppsatz

Nimm dafür eine typische Szene.

Am besten eine, bei der du schon weißt:

„Da kippe ich innerlich oft.“

Schritt 1

Mein Körper

Was passiert in deinem Körper, wenn du innerlich über die Schwelle gehst?

Wird dein Brustkorb eng?

Wird dein Bauch hart?

Wird dir heiß?

Spannst du den Kiefer an?

Hältst du den Atem an?

Wirst du unruhig?

Wirst du starr?

Ziehen sich deine Schultern hoch?

Wird dein Gesicht fest?

Bekommst du Druck im Kopf?

Viele merken die Schwelle zuerst im Körper.

Der Körper ist oft ehrlicher als der Satz, den wir gerade noch halbwegs vernünftig herausbekommen.

Schreibe:

Mein Körper zeigt mir die Schwelle durch …

Schritt 2

Meine Stimme

Wie klingt deine Stimme, wenn du über die Schwelle gehst?

Wird sie lauter?

Wird sie kälter?

Wird sie schneller?

Wird sie sehr ruhig, aber innerlich scharf?

Klingst du plötzlich wie eine Anwältin?

Klingst du müde und abgeschnitten?

Wird deine Stimme spitz?

Wird sie knapp?

Wird sie leise, obwohl innerlich alles schreit?

Achte nicht darauf, wie du gern klingen möchtest.

Achte darauf, wie du wirklich klingst.

Schreibe:

Meine Stimme verändert sich so …

Schritt 3

Meine Gedanken

Was denkt dein Kopf an der Schwelle?

Oft sind es keine ruhigen Gedanken.

Eher Sätze wie:

„Jetzt reicht es.“

„Er versteht es sowieso nie.“

„Ich muss ihm das endlich klarmachen.“

„Immer das Gleiche.“

„Ich bin ihm egal.“

„Das lasse ich mir nicht mehr gefallen.“

„Ich muss jetzt gewinnen, sonst geht das ewig so weiter.“

„Mit ihm kann man einfach nicht reden.“

„Ich wusste, dass es wieder so läuft.“

Diese Gedanken fühlen sich im Moment oft wahr an.

Manche enthalten vielleicht sogar einen wahren Kern.

Aber an der Schwelle sind sie selten gute Gesprächsführer.

Schreibe:

Meine Gedanken lauten dann oft …

Schritt 4

Mein Blick

Wie schaust du ihn an, wenn du über die Schwelle gehst?

Suchst du Fehler?

Suchst du Beweise?

Schaust du weg?

Wird dein Blick hart?

Rollst du mit den Augen?

Fixierst du ihn, als müsste er endlich gestehen?

Schaust du so, als sei er nicht mehr dein Partner, sondern der Angeklagte?

Der Blick verrät oft, ob du noch in Verbindung bist.

Oder schon im Urteil.

Schreibe:

Mein Blick wird dann …

Schritt 5

Mein Tempo

Was passiert mit deinem Tempo?

Redest du schneller?

Unterbrichst du?

Wirst du hektisch?

Willst du sofort eine Antwort?

Gehst du innerlich auf Angriff?

Machst du dicht und wirst langsam?

Ziehst du dich körperlich zurück?

Willst du das Gespräch sofort beenden?

Oder willst du es unbedingt jetzt klären, egal wie schlecht der Moment ist?

Tempo ist ein guter Hinweis.

Wenn du plötzlich sehr schnell wirst, bist du vielleicht schon über der Schwelle.

Wenn du plötzlich innerlich ganz weit weg bist, auch.

Schreibe:

Mein Tempo wird dann …

Schritt 6

Mein typischer Satz

Welcher Satz zeigt dir: Jetzt bin ich drüber?

Zum Beispiel:

„Das ist doch immer so.“

„Du hörst mir nie zu.“

„Vergiss es.“

„Ich wusste, dass das wieder passiert.“

„Lass mich einfach.“

„Mit dir kann man nicht reden.“

„Ist schon gut.“

„Mach doch, was du willst.“

„Warum versuche ich es überhaupt noch?“

„Genau das meine ich.“

Vielleicht sagst du diesen Satz laut.

Vielleicht nur innerlich.

Beides zählt.

Schreibe:

Mein typischer Satz an der Schwelle ist …

Schritt 7

Mein Stoppsatz

Jetzt formulierst du einen Satz, mit dem du aus dem Gespräch aussteigst, bevor du dem alten Muster wieder Futter gibst.

Nimm diesen Satz als Vorlage:

„Ich merke, ich bin gerade nicht mehr gut im Gespräch. Ich brauche kurz Abstand, damit ich nicht in unser altes Muster rutsche.“

Wenn dir das zu glatt klingt, mach ihn persönlicher.

Zum Beispiel:

„Ich merke, ich werde gerade hart. Ich brauche kurz Pause.“

Oder:

„Ich will jetzt nicht so weiterreden. Sonst lande ich wieder in meinem alten Ton.“

Oder:

„Ich brauche zehn Minuten. Danach kann ich klarer sprechen.“

Oder:

„Ich will das nicht abbrechen. Ich will nur verhindern, dass wir es kaputtreden.“

Wichtig ist:

Der Satz soll keine Strafe sein.

Kein Abgang mit Türknall.

Keine stille Rache.

Kein „Dann eben nicht“.

Kein beleidigtes Verschwinden.

Er soll das Gespräch schützen.

Und dich auch.

Ein Beispiel

Situation:

Ich spreche an, dass wir kaum noch Zeit miteinander verbringen. Er sagt genervt: „Jetzt fang nicht schon wieder damit an.“

Mein Körper:

Mein Brustkorb wird eng. Mein Kiefer spannt sich an.

Meine Stimme:

Ich werde schneller und kälter.

Meine Gedanken:

„Er nimmt mich nie ernst. Ich muss ihm das jetzt klarmachen.“

Mein Blick:

Ich schaue ihn an, als müsse ich ihn überführen.

Mein Tempo:

Ich unterbreche und rede mehr als sonst.

Mein typischer Satz:

„Genau das meine ich. Mit dir kann man einfach nicht reden.“

Mein Stoppsatz:

„Ich merke, ich werde gerade hart. Ich brauche zehn Minuten, bevor mein Ton alles kaputtmacht.“

Das ist kein schöner Satz für ein Poesiealbum.

Muss er auch nicht sein.

Er muss im Ernstfall funktionieren.

Noch ein Beispiel

Situation:

Er schweigt, obwohl du eine klare Antwort brauchst.

Mein Körper:

Ich werde unruhig und bekomme Druck im Bauch.

Meine Stimme:

Ich werde erst ruhig, dann spitz.

Meine Gedanken:

„Jetzt muss ich bohren, sonst kommt wieder nichts.“

Mein Blick:

Ich suche nach Zeichen, ob er lügt, ausweicht oder schon wieder dichtmacht.

Mein Tempo:

Ich stelle mehrere Fragen hintereinander.

Mein typischer Satz:

„Warum sagst du denn jetzt wieder nichts?“

Mein Stoppsatz:

„Ich merke, ich fange an zu bohren. Ich brauche eine Pause. Danach stelle ich dir eine klare Frage.“

Wenn dein Stoppsatz sich komisch anfühlt

Das ist normal.

Neue Sätze fühlen sich am Anfang oft künstlich an.

Nicht, weil sie falsch sind.

Sondern weil dein Mund sie noch nicht kennt.

Darum liest du den Satz heute laut.

Nicht nur im Kopf.

Laut.

Ein Satz, den du im Ernstfall sagen willst, muss deinem Mund bekannt vorkommen.

Sonst bleibt er Theorie.

Sprich ihn ruhig drei- bis fünfmal.

Langsam.

Ohne Schauspiel.

So, als würdest du ihn an einem guten Tag wirklich sagen.

Was du heute nicht tun musst

Du musst diesen Stoppsatz heute noch nicht perfekt anwenden.

Du musst auch nicht jedes Gespräch unterbrechen.

Und du musst deinem Partner nicht erklären, dass du jetzt eine Kooperationsschwelle hast.

Bitte kein kleines Fortbildungsseminar beim Abendessen.

Heute geht es zuerst darum, deine eigenen Zeichen zu kennen.

Wenn du sie kennst, kannst du beim nächsten Mal früher handeln.

Vielleicht nicht immer.

Vielleicht nicht elegant.

Aber früher.

Und früher ist in Beziehungen oft ein großer Fortschritt.

Tagesaufgabe

Fülle diese Punkte aus:

Mein Körper:

Meine Stimme:

Meine Gedanken:

Mein Blick:

Mein Tempo:

Mein typischer Satz:

Mein Stoppsatz:

Danach lies deinen Stoppsatz laut.

Mehrfach.

Nicht dramatisch.

Nur so, dass dein Mund ihn schon einmal gesprochen hat.

Mini-Transfer für den Alltag

Achte heute auf diesen einen Moment:

Wann bin ich nicht mehr gut im Gespräch?

Du musst dann nicht sofort alles richtig machen.

Bemerken reicht für heute.

 

Merksatz

Kooperation endet oft, bevor der Streit sichtbar beginnt.

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