Coach:
Ole Böseke
Tag 2: Der Moment, in dem du dich kleiner machst

Lektion Tag 2

So findest du den Moment, in dem du dich kleiner machst

Heute geht es nicht um den großen Streit.

Nicht um die Szene, an die du noch Wochen später denkst.

Nicht um den Satz, der richtig wehgetan hat.

Nicht um die Frage, ob du übertreibst oder er sich endlich ändern müsste.

Heute geht es um den kleinen Moment davor.

Um die Stelle, an der du innerlich etwas merkst und dann doch darüber hinweggehst.

Vielleicht spürst du: „Das hat mich gerade verletzt.“

Vielleicht denkst du: „Das stimmt so nicht.“

Vielleicht merkst du: „Ich will darauf eine ehrliche Antwort.“

Vielleicht weißt du: „Ich sollte jetzt nicht wieder alles erklären.“

Und trotzdem machst du es anders.

Du lachst.

Du sagst: „Schon gut.“

Du fragst nicht weiter.

Du wirst besonders verständnisvoll.

Du schluckst den Satz runter.

Du beruhigst die Situation, obwohl in dir nichts ruhig ist.

Genau diesen Moment suchen wir heute.

Nicht, damit du dich dafür verurteilst.

Eher so, als würdest du in einem Film kurz auf Pause drücken und sagen:

„Da. Genau da bin ich ein Stück von mir weggegangen.“

Das reicht für heute.

Die heutige Übung

Du arbeitest heute mit vier Satzanfängen:

Ich mache mich kleiner, wenn ich …

Ich tue dann so, als …

Eigentlich brauche ich in diesem Moment …

Mein kleiner ehrlicher Schritt wäre …

Nimm dir dafür ungefähr 15 bis 20 Minuten.

Bitte nimm wieder nur eine typische Szene.

Nicht fünf Beispiele.

Nicht dein ganzes Beziehungsarchiv.

Nicht den schlimmsten Abend der letzten Jahre.

Eine Szene reicht.

Am besten eine, die du gut kennst.

Eine, bei der du fast schon weißt, wie sie läuft.

Schritt 1

Ich mache mich kleiner, wenn ich …

Hier geht es um die konkrete Situation.

Bitte schreibe nicht allgemein:

„Ich mache mich kleiner, wenn er gemein ist.“

Das ist zu ungenau.

Schreibe lieber:

„Ich mache mich kleiner, wenn er eine spitze Bemerkung macht und ich lache, obwohl sie mich trifft.“

Oder:

„Ich mache mich kleiner, wenn ich eine klare Antwort brauche und mich mit einem halben Satz zufriedengebe.“

Oder:

„Ich mache mich kleiner, wenn ich sagen will, dass mir Nähe fehlt, und dann doch nur frage, ob er noch einkaufen geht.“

Du suchst den Moment, in dem du etwas in dir zurücknimmst.

Das kann sehr unterschiedlich aussehen.

Vielleicht machst du dich kleiner, indem du schweigst.

Vielleicht, indem du zu viel redest.

Vielleicht, indem du besonders vernünftig klingst.

Vielleicht, indem du so tust, als hättest du alles im Griff.

Vielleicht, indem du ihn sofort schützt, bevor du dich selbst ernst nimmst.

Wichtig ist nicht, wie es von außen aussieht.

Wichtig ist, was in dir passiert.

Frage dich:

An welcher Stelle bin ich nicht mehr ganz auf meiner eigenen Seite?

Dann schreibe den Satz fertig:

Ich mache mich kleiner, wenn ich …

Schritt 2

Ich tue dann so, als …

Dieser Satz ist wichtig.

Denn sich kleiner machen sieht von außen oft harmlos aus.

Manchmal sogar freundlich.

Oder reif.

Oder großzügig.

Oder vernünftig.

Du tust vielleicht so, als sei es dir egal.

Du tust so, als hättest du verstanden.

Du tust so, als sei es kein Problem.

Du tust so, als könntest du warten.

Du tust so, als bräuchtest du gerade nichts.

Aber innen stimmt es nicht.

Und darum geht es.

Nicht um die Frage, ob du eine gute Schauspielerin bist.

Eher um die Frage: Welche Maske setze ich auf, damit es nicht schwieriger wird?

Beispiele:

„Ich tue dann so, als hätte mich seine Bemerkung nicht getroffen.“

„Ich tue dann so, als sei ich entspannt, obwohl ich innerlich längst angespannt bin.“

„Ich tue dann so, als sei seine halbe Antwort genug.“

„Ich tue dann so, als sei ich großzügig, obwohl ich mich eigentlich übergangen fühle.“

„Ich tue dann so, als brauche ich keine Nähe.“

Hier darfst du ehrlich sein.

Niemand liest das außer dir.

Und falls doch: Dann sollte diese Person sich geehrt fühlen, dass sie so nah an deine Wahrheit darf.

Schreibe:

Ich tue dann so, als …

Schritt 3

Eigentlich brauche ich in diesem Moment …

Jetzt kommen wir zur eigentlichen Stelle.

Denn unter dem kleinen Weggehen von dir liegt fast immer ein Bedürfnis.

Nicht unbedingt ein riesiges.

Nicht unbedingt ein dramatisches.

Vielleicht brauchst du nur einen Moment, um dich zu sortieren.

Vielleicht brauchst du eine klare Antwort.

Vielleicht brauchst du, dass er dich ansieht.

Vielleicht brauchst du, dass du selbst nicht sofort einknickst.

Vielleicht brauchst du den Mut, nicht sofort Verständnis zu zeigen.

Vielleicht brauchst du den Satz:

„Ich merke gerade, dass ich mich zurücknehme. Ich brauche kurz Zeit.“

Achte darauf: Es geht hier nicht darum, was er sofort tun muss.

Schreibe also nicht nur:

„Ich brauche, dass er sich ändert.“

Das mag stimmen. Aber für diese Übung ist es zu groß.

Wir suchen den kleinsten ehrlichen Bedarf in diesem Moment.

Zum Beispiel:

„Eigentlich brauche ich in diesem Moment, dass ich meine Verletzung ernst nehme.“

„Eigentlich brauche ich in diesem Moment eine Pause, bevor ich wieder zu schnell nachgebe.“

„Eigentlich brauche ich in diesem Moment, dass ich nicht lache, wenn mir nicht nach Lachen ist.“

„Eigentlich brauche ich in diesem Moment den Mut, meine Frage stehen zu lassen.“

„Eigentlich brauche ich in diesem Moment Klarheit statt noch mehr Erklärung.“

Das ist oft der entscheidende Punkt.

Viele Frauen wissen sehr gut, was der andere braucht.

Ruhe.

Zeit.

Verständnis.

Weniger Druck.

Weniger Kritik.

Mehr Geduld.

Alles möglich.

Heute interessiert aber eine andere Frage:

Was brauchst du, damit du in diesem Moment nicht aus dir herausfällst?

Schreibe:

Eigentlich brauche ich in diesem Moment …

Schritt 4

Mein kleiner ehrlicher Schritt wäre …

Jetzt kommt der Trainingspunkt.

Bitte mach ihn klein.

Wirklich klein.

Nicht:

„Ab heute lasse ich mir nie wieder etwas gefallen.“

Das klingt gut. Es hält aber oft nur bis zur nächsten echten Situation.

Ein kleiner Schritt ist besser.

Zum Beispiel:

„Ich sage nicht mehr ‚egal‘, wenn es nicht egal ist.“

„Ich lache nicht, wenn mich etwas verletzt.“

„Ich stelle meine Frage einmal klar und erkläre sie danach nicht fünfmal.“

„Ich sage: Ich brauche kurz Zeit, ich will nicht sofort reagieren.“

„Ich schreibe mir nach dem Gespräch auf, an welcher Stelle ich innerlich weggegangen bin.“

„Ich sage: Ich merke, dass ich gerade wieder weich werde, obwohl ich Klarheit brauche.“

Der kleine ehrliche Schritt muss drei Bedingungen erfüllen:

Er muss machbar sein.

Er muss zu dir passen.

Er muss dich ein kleines Stück mehr auf deine eigene Seite bringen.

Das ist alles.

Kein Drama. Keine Ansage aus einem Film. Kein großes neues Ich.

Nur ein Schritt, den du beim nächsten Mal wirklich finden kannst.

Schreibe:

Mein kleiner ehrlicher Schritt wäre …

Ein Beispiel

Damit du siehst, wie diese Übung gemeint ist:

Situation:

Ich frage ihn, ob er am Wochenende wirklich Zeit für uns einplant. Er sagt: „Mal sehen, mach jetzt bitte keinen Stress.“

Ich mache mich kleiner, wenn ich …

… sofort sage: „Ja, ist schon okay“, obwohl es für mich nicht okay ist.

Ich tue dann so, als …

… sei ich entspannt und flexibel.

Eigentlich brauche ich in diesem Moment …

… dass ich meine Frage nicht sofort zurücknehme, nur weil er genervt reagiert.

Mein kleiner ehrlicher Schritt wäre …

… zu sagen: „Ich will keinen Stress machen. Ich brauche aber eine klare Antwort, weil ich sonst wieder in der Luft hänge.“

Das ist kein Angriff.

Das ist auch keine Unterwerfung.

Das ist ein kleiner ehrlicher Schritt.

Noch ein Beispiel

Situation:

Er macht eine Bemerkung über dich vor anderen. Alle lachen. Du lachst mit, obwohl es dich trifft.

Ich mache mich kleiner, wenn ich …

… mitlache, obwohl ich innerlich verletzt bin.

Ich tue dann so, als …

… hätte ich Humor, obwohl ich mich bloß nicht anstellen will.

Eigentlich brauche ich in diesem Moment …

… dass ich meine Verletzung nicht sofort lächerlich mache.

Mein kleiner ehrlicher Schritt wäre …

… später ruhig zu sagen: „Der Spruch vorhin hat mich getroffen. Ich will nicht, dass wir so übereinander reden.“

Auch das ist kein Theater.

Es ist Selbstachtung in Alltagssprache.

Wenn du merkst, dass du ausweichst

Vielleicht schreibst du erst einmal:

„Ich weiß nicht.“

Das ist okay.

Dann geh kleiner.

Frage dich:

Wann sage ich „egal“, obwohl es nicht egal ist?

Wann lächle ich, obwohl mir nicht danach ist?

Wann erkläre ich ihn mir schöner, als es sich anfühlt?

Wann tue ich stark, obwohl ich mich allein fühle?

Wann beruhige ich ihn, obwohl ich selbst Halt brauche?

Wann nenne ich etwas Verständnis, obwohl es Angst vor Streit ist?

Nimm den Satz, der dich am meisten erwischt.

Dort liegt wahrscheinlich der Punkt für heute.

Was du heute nicht tun musst

Du musst heute keinen Konflikt eröffnen.

Du musst deinem Partner die Übung nicht zeigen.

Du musst dich nicht sofort anders verhalten.

Du musst auch nicht beweisen, dass du jetzt stark bist.

Heute reicht eine ehrliche Beobachtung.

Das klingt klein. Ist es aber nicht.

Denn viele alte Abläufe bleiben nur deshalb so stark, weil sie im Halbdunkel laufen.

Heute machst du an einer Stelle Licht.

Nicht grell. Nicht mit Scheinwerfer und Verhörlampe.

Nur so viel, dass du dich selbst wieder siehst.

Deine Tagesaufgabe

Schreibe diese vier Sätze vollständig auf:

Ich mache mich kleiner, wenn ich …

Ich tue dann so, als …

Eigentlich brauche ich in diesem Moment …

Mein kleiner ehrlicher Schritt wäre …

Danach lies sie dir einmal laut vor.

Nicht dramatisch. Nur langsam.

Und achte darauf, welcher Satz in deinem Körper am meisten reagiert.

Vielleicht wird es im Bauch eng.

Vielleicht kommt Traurigkeit.

Vielleicht Ärger.

Vielleicht Erleichterung.

Nimm es nur wahr.

Am Ende schreibe noch diesen Satz:

Heute habe ich gesehen: Ich verlasse mich an dieser Stelle …

Und dann ergänze ihn.

Mini-Transfer für den Alltag

Achte heute nur auf einen kleinen Moment:

Wann sagst du innerlich Nein und äußerlich Ja?

Du musst diesen Moment heute nicht perfekt lösen.

Du musst ihn nur bemerken.

Das ist der Anfang.

Merksatz

Selbstverlust beginnt selten dramatisch. Meist beginnt er leise.

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