Coach:
Ole Böseke
Tag 12: Grenze oder Strafe?

So unterscheidest du Grenze und Strafe

Heute trainierst du einen wichtigen Unterschied.

Eine Grenze schützt etwas.

Eine Strafe will etwas heimzahlen.

Im Alltag sieht beides manchmal ähnlich aus.

Du beendest ein Gespräch.

Du nimmst Abstand.

Du sagst: „So mache ich nicht weiter.“

Du meldest dich später.

Du sagst eine Verabredung ab.

Du bleibst bei einem Nein.

All das kann eine Grenze sein.

All das kann aber auch zur Strafe werden.

Der Unterschied liegt in deiner Absicht.

Eine Grenze schützt deine Würde, deine Ruhe, deine Klarheit oder das Gespräch.

Eine Strafe soll beim anderen Wirkung erzeugen.

Sie soll ihn spüren lassen, dass er etwas falsch gemacht hat.

Sie soll ihn verunsichern.

Sie soll ihn hinterherlaufen lassen.

Sie soll ihn treffen.

Heute prüfst du diesen Unterschied an einer typischen Situation.

Die heutige Übung

Du arbeitest heute mit einer konkreten Szene.

Bitte nimm eine Situation, in der du manchmal mit Abstand, Schweigen, Rückzug, Kühle oder Abbruch reagierst.

Du füllst vier Schritte aus:

Die typische Situation ist …

Meine Strafversion wäre …

Was ich eigentlich schützen will, ist …

Meine Grenze lautet: Wenn …, dann werde ich …, damit …

Nimm dir 15 bis 20 Minuten.

Schritt 1

Die typische Situation ist …

Wähle eine Szene, die du kennst.

Zum Beispiel:

Er wird abwertend.

Er weicht wieder aus.

Er macht einen verletzenden Witz.

Er verdreht die Augen.

Er wird laut.

Er hört sichtbar nicht zu.

Er beendet das Gespräch, ohne zurückzukommen.

Er beantwortet eine klare Frage mit einem Nebel-Satz.

Bitte bleib konkret.

Schreibe:

Die typische Situation ist …

Schritt 2

Meine Strafversion wäre …

Jetzt schreibst du zuerst die Strafversion.

Das klingt vielleicht seltsam.

Warum erst die Strafe?

Weil sie oft sowieso im System liegt.

Besser, du siehst sie klar, als dass du sie später als Grenze verkleidest.

Eine Strafversion beginnt oft so:

„Dann rede ich eben auch nicht mehr.“

„Dann soll er mal sehen, wie das ist.“

„Dann melde ich mich auch nicht.“

„Dann mache ich es ihm auch nicht mehr leicht.“

„Dann bin ich eben kalt.“

„Dann bekommt er auch keine Nähe.“

„Dann soll er halt merken, was er davon hat.“

Vielleicht sagst du das nie laut.

Vielleicht nur innerlich.

Beides zählt.

Schreibe:

Meine Strafversion wäre …

Schritt 3

Was ich eigentlich schützen will, ist …

Jetzt gehst du unter die Strafe.

Denn oft steckt unter der Strafe ein berechtigter Schutz.

Du willst vielleicht deine Würde schützen.

Du willst deine Ruhe schützen.

Du willst verhindern, dass du dich weiter kleinmachst.

Du willst verhindern, dass ein Gespräch verletzend wird.

Du willst verhindern, dass du wieder in Kontrolle, Druck oder Nachlaufen gehst.

Du willst dein Gefühl schützen, nicht ausgeliefert zu sein.

Das ist der wichtige Punkt:

Der Schutz kann berechtigt sein.

Die Strafversion ist nur die schlechte Ausführung.

Schreibe:

Was ich eigentlich schützen will, ist …

Schritt 4

Meine Grenze lautet: Wenn …, dann werde ich …, damit …

Jetzt formulierst du eine echte Grenze.

Eine gute Grenze hat drei Teile:

Wenn …

Hier benennst du die Situation.

Dann werde ich …

Hier sagst du, was du tust.

Damit …

Hier erklärst du den Schutz.

Beispiele:

Wenn das Gespräch abwertend wird,

dann werde ich es für heute beenden,

damit wir nicht weiter in Verletzung gehen.

Wenn du meine Frage mehrfach ausweichend beantwortest,

dann werde ich das Gespräch unterbrechen und später neu ansetzen,

damit ich nicht wieder in Druck und Kontrolle rutsche.

Wenn ich merke, dass ich dich mit Abstand bestrafen will,

dann werde ich erst einmal ehrlich eine Pause nehmen,

damit ich nicht aus Kränkung handle.

Wenn der Ton kippt,

dann werde ich zehn Minuten Abstand nehmen,

damit ich klarer weitersprechen kann.

Schreibe:

Meine Grenze lautet: Wenn …, dann werde ich …, damit …

Ein Beispiel

Die typische Situation ist …

Er macht eine abwertende Bemerkung und sagt danach, ich soll mich nicht so anstellen.

Meine Strafversion wäre …

Dann rede ich den ganzen Abend nicht mehr richtig mit ihm, damit er merkt, wie daneben das war.

Was ich eigentlich schützen will, ist …

Ich will schützen, dass ich mich nicht in einem Gespräch kleinmachen lasse, in dem meine Verletzung lächerlich gemacht wird.

Meine Grenze lautet …

Wenn eine Bemerkung abwertend wird und meine Reaktion danach lächerlich gemacht wird, dann beende ich das Gespräch für heute, damit ich nicht weiter in ein verletzendes Muster einsteige.

Noch ein Beispiel

Die typische Situation ist …

Ich frage etwas Klartext, und er antwortet wieder ausweichend.

Meine Strafversion wäre …

Dann werde ich kühl und antworte später auch nur noch einsilbig.

Was ich eigentlich schützen will, ist …

Ich will schützen, dass ich nicht wieder in Nachfragen, Kontrolle und innere Unruhe gehe.

Meine Grenze lautet …

Wenn ich auf eine klare Frage wiederholt ausweichende Antworten bekomme, dann beende ich das Gespräch und komme später darauf zurück, damit ich nicht in unser altes Muster rutsche.

Woran du eine echte Grenze erkennst

Eine echte Grenze hat ein paar klare Merkmale:

Sie beschreibt dein Verhalten.

Sie braucht keine Drohung.

Sie will den anderen nicht erziehen.

Sie schützt etwas Konkretes.

Sie bleibt beim aktuellen Punkt.

Sie hat keine versteckte Racherechnung.

Sie lässt dich nachher mit mehr Respekt vor dir selbst zurück.

Prüfe deinen Satz deshalb mit diesen Fragen:

Will ich mich schützen?

Oder will ich ihn spüren lassen, wie verletzt ich bin?

Will ich das Gespräch vor Schaden bewahren?

Oder will ich Macht zurückholen?

Will ich klar handeln?

Oder will ich heimzahlen?

Wenn deine Antwort eher Richtung Strafe geht, ist das kein Weltuntergang.

Dann hast du etwas Wichtiges gesehen.

Jetzt kannst du den Satz neu bauen.

Was du heute nicht tun musst

Du musst keine große Grenzrede halten.

Du musst deinem Partner nicht erklären, dass Du heute den Unterschied zwischen Grenze und Strafe gelernt hast.

Du musst auch nicht jede alte Szene neu bewerten.

Eine typische Situation reicht.

Eine Strafversion.

Ein Schutzpunkt.

Eine echte Grenze.

Tagesaufgabe

Fülle diese vier Punkte aus:

Die typische Situation ist …

Meine Strafversion wäre: Dann …

Was ich eigentlich schützen will, ist …

Meine Grenze lautet: Wenn …, dann werde ich …, damit …

Danach lies deine Grenze laut.

Achte auf drei Dinge:

Klingt sie wie Schutz?

Klingt sie wie heimliche Rache?

Kannst du sie ruhig ausführen?

Wenn sie noch nach Strafe klingt, formuliere sie kleiner und sauberer.

Mini-Transfer für den Alltag

Achte heute auf diesen einen Punkt:

Will ich mich schützen oder will ich Wirkung erzeugen?

Diese Frage reicht für heute.

Sie bringt oft sofort mehr Klarheit.

 

Merksatz

Eine Grenze schützt deine Würde. Eine Strafe sucht Schmerz beim anderen.

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