Über Streit, Rückzug, Nähe und die Frage, wie Kooperation im Alltag trainierbar wird.
Es ist Sonntagmorgen.
Ihr sitzt am Frühstückstisch.
Ihr kennt Euch seit 18, 24 oder vielleicht 31 Jahren.
Du weißt, wie Dein Partner den Kaffee trinkt. Du kennst den Blick, wenn ihn etwas nervt. Du weißt, welche Jacke er nimmt, wenn es draußen nur ein bisschen kalt ist.
Euer gemeinsames Leben ist voll mit Dingen, die längst selbstverständlich geworden sind.
Und während Dein Partner gegenüber sitzt, denkst Du:
Will ich das wirklich noch?
Vielleicht erschrickst Du über die Frage.
Vielleicht begleitet sie Dich schon seit Monaten.
Manchmal ist sie morgens da. Dann verschwindet sie wieder. Nach einem schönen Abend denkst Du: Vielleicht bekommen wir es doch hin.
Drei Tage später sitzt Du im Auto und stellst Dir vor, wie es wäre, allein nach Hause zu fahren.
Genau das macht die Lage so anstrengend.
Du hast keine eindeutige Antwort.
Eine lange Beziehung kennt schlechte Zeiten.
Menschen verändern sich.
Der Alltag wird voller. Kinder kommen oder gehen aus dem Haus. Eltern werden krank. Arbeit frisst Kraft. Sexualität verändert sich. Einer entwickelt sich in eine Richtung, während der andere eine Weile stehen bleibt.
Daraus kann Distanz entstehen.
Die erste Frage lautet deshalb:
Erlebst Du gerade eine schwierige Phase oder ist aus der schwierigen Phase Euer normales Leben geworden?
Ein paar schlechte Monate erzählen wenig über zwanzig gemeinsame Jahre.
Fünf Jahre Rückzug, Enttäuschung und dieselben erfolglosen Gespräche erzählen mehr.
Darum lohnt sich ein Blick auf die Wiederholung.
Was passiert zwischen Euch immer wieder?
Was habt Ihr bereits versucht?
Gab es danach tatsächlich eine Veränderung?
Oder habt Ihr regelmäßig dasselbe Gespräch in anderer Verpackung geführt?
Wenn Du dieses leise Auseinanderdriften kennst, lies auch Ich glaube, ich liebe Dich noch, aber ich halte Dich nicht mehr aus.
Viele Menschen suchen an diesem Punkt nach ihrem Gefühl.
Liebe ich ihn noch?
Liebe ich sie noch?
Da sitzt jemand nach 25 gemeinsamen Jahren auf der Bettkante und versucht, ein Gefühl zu messen, das unter einem Berg aus Alltag, offenen Rechnungen und alten Verletzungen liegt.
Vielleicht liebst Du Deinen Partner noch und möchtest trotzdem so nicht weiterleben.
Vielleicht vermisst Du ihn, obwohl er zwei Meter entfernt auf dem Sofa sitzt.
Vielleicht spürst Du Zuneigung und gleichzeitig den starken Wunsch nach Ruhe.
Mehrere Dinge können gleichzeitig stimmen.
Darum bringt Dich eine andere Frage oft weiter:
Wie leben wir eigentlich miteinander?
Da wird es konkreter.
Kannst Du etwas ansprechen?
Wirst Du gehört?
Könnt Ihr nach einem Streit wieder aufeinander zugehen?
Gibt es noch Neugier aufeinander?
Übernimmt jeder Verantwortung für sein Verhalten?
Taucht wenigstens gelegentlich der Gedanke auf: Wir beide könnten hier etwas anders machen?
Das sind Informationen, mit denen Du arbeiten kannst.
Manchmal sitzt jemand bei mir im Erstgespräch und sagt:
„Ich will eigentlich gar nicht weg. Ich will nur dieses Leben so nicht mehr.“
Darin steckt ein Unterschied.
Du willst vielleicht den Mann behalten.
Aber die täglichen Seitenhiebe sollen weg.
Du willst die Frau behalten.
Aber dieses Schweigen über Tage hältst Du nicht mehr aus.
Du möchtest Eure Geschichte behalten.
Nur möchtest Du darin wieder vorkommen.
Deshalb lohnt es sich, die Trennungsfrage einmal kleiner zu machen.
Statt sofort:
„Soll ich gehen?“
frag Dich:
„Was genau müsste aufhören, damit ich wieder gern bleibe?“
Jetzt bekommst Du etwas in die Hand.
Vielleicht lautet die Antwort:
„Ich will bei einem Problem wieder mit ihm sprechen können.“
Oder:
„Ich will aufhören, bei jeder Kleinigkeit Angst vor ihrer Reaktion zu haben.“
Oder:
„Ich brauche endlich Beteiligung. Ich möchte diese Beziehung nicht mehr allein anschieben.“
Damit lässt sich arbeiten.
Nach einem großen Streit passiert oft etwas Interessantes.
Einer merkt, dass es ernst wird.
Plötzlich kommt Bewegung.
„Ich ändere mich.“
„Wir machen jetzt mehr zusammen.“
„Ich kümmere mich.“
„Gib uns noch eine Chance.“
Diese Sätze können ehrlich gemeint sein.
Für Deine Entscheidung brauchst Du mehr als Ehrlichkeit im Moment.
Du brauchst Wiederholung.
Was geschieht am nächsten Dienstag?
Und zwei Wochen später?
Was passiert, wenn Müdigkeit dazukommt?
Wie reagiert Dein Partner beim nächsten Konflikt?
Ein Vorsatz ist schnell ausgesprochen.
Ein neuer Ablauf zeigt sich im Alltag.
Das kennst Du aus jedem Sport.
Wer nach einem schlechten Tennismatch sagt: „Beim nächsten Mal spiele ich die Rückhand besser“, hat noch nichts verändert.
Er muss sie trainieren.
Bei Beziehung läuft es ähnlich.
An dieser Stelle wird es gern unangenehm.
Wenn Du seit Jahren unglücklich bist, kennst Du vermutlich eine ziemlich lange Liste mit Dingen, die Dein Partner falsch macht.
Vielleicht stimmt jedes Wort darauf.
Trotzdem fehlt ein Teil der Geschichte, solange Du nur auf seine Seite des Spielfelds schaust.
Was machst Du inzwischen?
Ziehst Du Dich zurück?
Sprichst Du nur noch gereizt?
Hast Du längst aufgehört, Wünsche klar auszusprechen?
Testest Du Deinen Partner, statt ihn zu fragen?
Sammelst Du Beweise dafür, dass er sich sowieso nicht ändert?
Das hat nichts mit Schuld zu tun.
Es ist eine Trainingsfrage.
Deinen Anteil kannst Du bearbeiten. Beim Anteil Deines Partners kannst Du beobachten, ob er ihn übernimmt.
Mehr über diesen Unterschied findest Du in Schuld oder Verantwortung in der Beziehung: Der große Unterschied.
Diesen Satz höre ich häufig.
Dann lohnt sich eine Nachfrage.
Was heißt alles?
Mehr geredet?
Noch einmal erklärt?
Einen langen Brief geschrieben?
Eine Trennung angedroht?
Drei Wochen besonders freundlich gewesen?
Gemeinsam verreist?
Das kann alles sinnvoll gewesen sein.
Viel Einsatz heißt noch lange nicht, dass Ihr an der richtigen Stelle trainiert habt.
Wenn Euer Problem immer nach demselben Muster abläuft, braucht Ihr dort einen anderen Versuch.
Vielleicht sprichst Du ein Problem bisher erst an, wenn Deine Tasse längst voll ist.
Dann kommt der Satz schon mit zehn alten Themen im Gepäck.
Vielleicht zieht sich Dein Partner regelmäßig zurück. Du folgst ihm, weil Du endlich eine Antwort willst. Er erlebt Deinen Versuch als Druck und geht noch weiter auf Abstand.
Falls Du diesen Ablauf kennst, lies Was tun, wenn der Partner sich zurückzieht?
Du musst Deine nächsten zwanzig Lebensjahre heute Abend noch nicht festlegen.
Prüfe lieber, ob zwischen Euch noch Bewegung möglich ist.
Nimm einen überschaubaren Zeitraum.
Zum Beispiel drei Wochen.
In diesen drei Wochen beobachtest Du genauer.
Wie reagierst Du?
Wie reagiert Dein Partner?
Was passiert, wenn Du einen alten Ablauf unterbrichst?
Wird Dein Partner neugierig?
Kommt etwas zurück?
Übernimmt er Verantwortung?
Oder bleibt alles an Dir hängen?
Jetzt sammelst Du Informationen aus dem echten Leben.
Verhalten.
Reaktionen.
Wiederholungen.
Wenn Du diese drei Wochen mit einem klaren roten Faden nutzen willst, kannst Du Dir mein Buch „Zwischen Bleiben und Gehen“ kostenlos herunterladen.
Es begleitet Dich genau durch diese Zwischenlage: Was hält Dich noch? Was macht Dich müde? Welche Abläufe wiederholen sich? Und woran erkennst Du, ob zwischen Euch noch Bewegung möglich ist?
Nach einem heftigen Streit wirkt Trennung manchmal erstaunlich vernünftig.
Du sitzt im Auto und denkst:
Jetzt reicht es.
Zwei Tage später lacht Ihr zusammen in der Küche und Du fragst Dich, wie Du überhaupt an Trennung denken konntest.
Beides bist Du.
Der wütende Mensch im Auto.
Der Mensch, der am Mittwochabend noch gern mit seinem Partner lacht.
Darum taugt ein einzelner Moment schlecht für eine Lebensentscheidung.
Schau auf die Strecke.
Wie waren die vergangenen zwölf Monate?
Was hat sich bewegt?
Wo seid Ihr stecken geblieben?
Wie oft hast Du Hoffnung bekommen, auf die anschließend Handlung folgte?
Wie häufig hast Du Dich selbst beruhigt mit:
„So schlimm ist es eigentlich gar nicht“?
Eine lange Beziehung verdient einen Blick auf das ganze Spielfeld.
Menschen denken beim Thema Trennung oft zuerst darüber nach, was das Gehen kostet.
Wohnung.
Geld.
Kinder.
Freunde.
Gemeinsame Geschichte.
Weihnachten.
Der Hund.
Der Gedanke kann einen schon bis Donnerstag beschäftigen.
Dabei gibt es eine zweite Rechnung:
Was kostet Dich das Bleiben, wenn alles bleibt, wie es ist?
Stell Dir Eure Beziehung in drei Jahren vor.
Der Umgang bleibt gleich.
Die Gespräche laufen weiter wie bisher.
Nähe verändert sich nicht.
Jeder reagiert weiter mit denselben alten Reflexen.
Wie geht es Dir bei diesem Gedanken?
Diese Frage ersetzt keine Entscheidung.
Sie verhindert, dass Du nur den Preis des Gehens berechnest.
Zwanzig gemeinsame Jahre haben Gewicht.
Ihr habt etwas aufgebaut.
Ihr wart vielleicht bei Geburten dabei, bei Todesfällen, Umzügen und Familienfesten. Ihr kennt Geschichten voneinander, die sonst niemand kennt.
Das gehört in Deine Entscheidung.
Vergangene Jahre verlangen allerdings keine automatische Verlängerung.
Die bessere Frage lautet:
Was machen wir mit dem, was wir gemeinsam aufgebaut haben?
Gibt es noch Bereitschaft?
Könnt Ihr beide lernen?
Kann jeder den eigenen Anteil ansehen, ohne sofort auf den anderen zu zeigen?
Gibt es noch kleine Momente, in denen Ihr Euch findet?
Dann existiert Material, mit dem Ihr arbeiten könnt.
Falls einer jede Zusammenarbeit verweigert, erhältst Du ebenfalls eine Antwort.
Vielleicht keine angenehme.
Aber eine brauchbare.
Es gibt Beziehungen, in denen die Frage nach mehr Training irgendwann zu kurz greift.
Wenn Dein Partner Dich dauerhaft abwertet, jede Klärung verweigert oder keinerlei Verantwortung für sein Verhalten übernimmt, solltest Du das ernst nehmen.
Bei Gewalt, Bedrohung oder Kontrolle gilt ein anderer Maßstab. Dann steht zuerst Deine Sicherheit auf dem Plan.
Auch jahrelanges Warten auf einen Menschen, der jede gemeinsame Veränderung ablehnt, ist eine Information.
Du kannst eine Beziehung anstoßen.
Du kannst Deinen eigenen Teil verändern.
Du kannst Einladungen zur Kooperation machen.
Für zwei Menschen trainieren kannst Du nicht.
Stell Dir vor, Dein Partner bleibt im Wesentlichen der Mensch, der er heute ist.
Er hört allerdings besser zu, stoppt früher und kommt nach einem Streit wieder auf Dich zu.
Wäre das genug?
Diese Frage ist oft ehrlicher als die Hoffnung:
„Wenn er endlich versteht, was ich seit zehn Jahren meine, wird alles gut.“
Menschen verändern sich.
Meist bleiben sie dabei ziemlich deutlich sie selbst.
Stell Dir vor, Du trennst Dich.
Der erste Sturm ist vorbei.
Die organisatorischen Dinge sind geregelt.
Es ist ein gewöhnlicher Dienstag.
Du kommst nach Hause.
Dein Partner lebt woanders.
Was vermisst Du?
Was vermisst Du überhaupt nicht?
Freust Du Dich vor allem über Ruhe?
Fehlt Dir der Mensch?
Fehlt Dir nur die vertraute Struktur?
Auch diese Vorstellung liefert keine mathematische Lösung.
Sie hilft Dir, genauer hinzusehen.
Wenn Du mit solchen Gedanken schon länger herumläufst, passt dazu Ein Brief an mich selbst, bevor ich gehe.
Vielleicht möchtest Du heute eine klare Antwort.
Bleib.
Geh.
Gib Euch noch sechs Monate.
Beende es.
So einfach funktioniert eine lange gemeinsame Geschichte selten.
Was Du prüfen kannst, ist Bewegung.
Bewegt sich etwas, wenn Du anders handelst?
Kommt Dein Partner mit?
Könnt Ihr einen alten Ablauf tatsächlich verändern?
Entsteht wieder etwas, auf dem Ihr aufbauen könnt?
Oder trainierst Du seit Jahren allein und nennst es Hoffnung?
Diese Antworten entstehen selten beim Grübeln.
Du findest sie im Alltag.
Beim nächsten schwierigen Gespräch.
Beim nächsten Rückzug.
An dem Abend, an dem einer etwas anders macht als sonst.
Genau dort zeigt sich, ob Ihr noch miteinander trainiert.
Oder ob einer längst allein auf dem Platz steht.
Vielleicht brauchst Du gerade keine schnelle Antwort.
Vielleicht brauchst Du zuerst einen Zeitraum, in dem Du genauer hinschaust.
Dafür habe ich „Zwischen Bleiben und Gehen“ geschrieben.
Das Buch begleitet Dich durch genau diese Zwischenlage: Was hält Dich noch? Was macht Dich müde? Welche alten Abläufe wiederholen sich? Was geschieht, wenn Du anders reagierst? Und kommt von Deinem Partner noch etwas zurück?
Du kannst das Buch kostenlos herunterladen.
ÜBER DEN AUTOR

Ole Böseke
Ole arbeitet mit Paaren an den Momenten, in denen Gespräche kippen. Kooperation versteht er als Entscheidung im richtigen Moment. Seine Arbeit verbindet Beziehung mit Training: beobachten, üben und im Alltag früher anders reagieren.
WEITERE BLOGARTIKEL