Über Streit, Rückzug, Nähe und die Frage, wie Kooperation im Alltag trainierbar wird.
Freitagabend.
„Wir sollten mal wieder etwas zusammen machen.“
„Ja.“
Kurze Pause.
„Was denn?“
Jetzt kommt das Handy auf den Tisch.
Restaurant?
Kino?
Konzert?
Wellness?
Vielleicht irgendein Markt, für den man Eintritt bezahlt, um anschließend Dinge zu kaufen, die man vorher gar nicht haben wollte.
Eine Viertelstunde später habt Ihr 84 Euro verplant.
Und noch keinen besonders guten Gedanken gehabt.
Darum habe ich einen anderen Vorschlag.
Nehmt Euch einen Tag.
Von morgens bis abends.
Und gebt gemeinsam keinen Cent aus.
Null Euro.
Keine Karte.
Keine Bestellung.
Keine Tickets.
Kein Kaffee unterwegs.
Ihr benutzt nur, was bereits da ist.
Und dann schaut Ihr mal, was Ihr eigentlich noch miteinander anfangen könnt.
Diese Frage gefällt mir.
Was könnt Ihr miteinander anfangen, wenn Euch heute niemand Unterhaltung verkaufen darf?
Denn genau das geschieht bei gemeinsamer Freizeit erstaunlich oft.
Wir sagen:
„Wir wollen mal wieder etwas Schönes zusammen machen.“
Und suchen anschließend jemanden, der das Schöne für uns organisiert.
Der Koch kocht.
Der Film erzählt die Geschichte.
Die Band macht Musik.
Das Hotel stellt das Frühstück hin.
Alles kann großartig sein.
Nur habt Ihr dabei eine ziemlich bequeme Rolle.
Ihr erscheint.
Heute fällt diese Rolle weg.
Heute müsst Ihr Euren Tag selbst bauen.
Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an die ersten Jahre.
Oft war weniger Geld da.
Die Wohnung war kleiner.
Das Auto schlechter.
Der Kühlschrank gab gegen Monatsende auch keine großen Versprechen mehr ab.
Und trotzdem gibt es aus dieser Zeit häufig erstaunlich viele Geschichten.
Ihr seid nachts irgendwo hingefahren.
Habt auf einer Decke am See gesessen.
Seid stundenlang durch eine fremde Stadt gelaufen.
Habt mit anderen Leuten in einer viel zu kleinen Küche gekocht.
Vielleicht habt Ihr Euch verirrt.
Vielleicht hat es geregnet.
Vielleicht bestand das Abendessen aus Nudeln, Tomatensoße und einer Flasche Wein, deren Etikett mehr versprach als der Inhalt.
Heute erzählt Ihr diese Geschichten noch.
Seltsam.
An die 14. Folge irgendeiner Serie vom letzten November erinnert sich dagegen keiner.
Das liegt auch daran, dass Erlebnisse Stoff brauchen.
Eine kleine Überraschung.
Eine Panne.
Etwas, das anders läuft als vorgesehen.
Genau davon bekommt der normale Paaralltag mit den Jahren oft zu wenig.
Lies hier den Beitrag „Wann habt Ihr zuletzt zusammen etwas zum ersten Mal gemacht?“.
Sucht Euch einen freien Tag.
Samstag. Sonntag. Feiertag.
Morgens startet Ihr mit null Euro Budget.
Was bereits zu Hause ist, dürft Ihr benutzen.
Essen.
Fahrräder.
Bücher.
Spiele.
Ball.
Kamera.
Werkzeug.
Eine Picknickdecke.
Auch bereits bezahlte Dinge könnt Ihr vorher gemeinsam erlauben. Eine Monatskarte zum Beispiel.
Ihr braucht daraus kein juristisch wasserdichtes Regelwerk zu machen.
Falls einer mittags heimlich einen Cappuccino kauft, kommt keine Budgetpolizei.
Die Idee zählt:
Heute kaufen wir uns keinen Spaß. Heute machen wir ihn selbst.
Das ist sogar wahrscheinlich.
Ihr sitzt morgens am Tisch.
Kaffee da.
Brötchen da.
Tag frei.
Geld tabu.
Und jetzt?
Genau dieser Moment ist interessant.
Normalerweise greift einer zum Handy.
„Ich guck mal, was heute los ist.“
Lass das für einen Moment.
Schaut lieber, was Euch selbst einfällt.
Vielleicht erst einmal gar nichts.
Dann merkt Ihr womöglich, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, Freizeit aus einem Menü auszuwählen.
Restaurant.
Netflix.
Shopping.
Ausflug buchen.
Veranstaltung suchen.
Jetzt gibt es kein Menü.
Also müsst Ihr erfinden.
Das kann nach zwanzig gemeinsamen Jahren überraschend ungewohnt sein.
Packt Essen aus dem Kühlschrank ein.
Macht daraus ein Frühstück für unterwegs.
Dann geht los.
Ihr könnt zu Fuß irgendwohin, wo Ihr noch nie wart.
Vielleicht gibt es fünf Kilometer von Eurer Wohnung entfernt einen Waldweg, den Ihr seit Jahren ignoriert.
Eine kleine Brücke.
Einen See.
Eine Anhöhe.
Einen Stadtteil, durch den Ihr immer nur fahrt.
Sucht einen Platz, an dem Ihr noch nie zusammen gesessen habt.
Setzt Euch hin.
Esst das, was Ihr eingepackt habt.
Mehr ist für den Anfang gar nicht nötig.
Ihr müsst dort auch kein Gespräch über Eure Beziehung führen.
Ein Käsebrot darf einfach ein Käsebrot bleiben.
Eine schöne Regel für diesen Tag:
Jeder von Euch bekommt einmal die Führung.
Eine Stunde lang bestimmt einer, was Ihr macht.
Danach der andere.
Kein langes Verhandeln.
Natürlich gelten die üblichen Grenzen. Niemand muss plötzlich unbekleidet durch den Stadtpark rennen, nur weil der Partner „Sei doch mal spontan“ sagt.
Aber innerhalb dessen:
Mach etwas draus.
Vielleicht sagt einer:
„Wir gehen jetzt zu dem alten Bahnhof, an dem wir seit Jahren vorbeifahren.“
Der andere:
„Danach bringe ich Dir endlich bei, wie man einen vernünftigen Papierflieger baut.“
Große Pläne braucht es dafür keine.
Ihr braucht Einfälle.
Erwachsene sind erstaunlich gut darin, Tätigkeiten zu rechtfertigen.
Sport ist gesund.
Lesen bildet.
Spazierengehen tut dem Rücken gut.
Kochen muss man sowieso.
Heute dürft Ihr etwas machen, das zu überhaupt nichts taugt.
Erfindet einen Wettkampf.
Socken-Zielwerfen im Wohnzimmer.
Wer baut den besten Papierflieger?
Wer findet draußen den seltsamsten Gegenstand?
Wer macht das schlechteste Porträt des anderen?
Zehn Minuten Zeit.
Anschließend Ausstellung in der Küche.
Der Gewinner bekommt gar nichts.
Budget ist schließlich null.
Falls Ihr jetzt denkt: „Wie albern“, sind wir schon ziemlich nah dran.
Geht an einen Ort, der einmal zu Euch gehört hat.
Wo habt Ihr früher gesessen?
Wo seid Ihr spazieren gegangen?
Gab es einen Platz, an dem Ihr oft wart, bevor das Leben voller Termine wurde?
Vielleicht steht irgendwo noch die Bank.
Vielleicht ist die Kneipe längst ein Nagelstudio.
Vielleicht sieht der Park heute völlig anders aus.
Geht trotzdem hin.
Oder holt alte Fotos heraus.
Jeder sucht eines aus.
Dann versucht Ihr, das Bild heute noch einmal nachzustellen.
Gleiche Haltung.
Gleicher Blick.
Zwanzig Jahre später.
Das kann rührend werden.
Es kann auch ziemlich komisch aussehen.
Beides darf passieren.
Spätestens gegen Abend kommt der Moment:
„Wir könnten doch jetzt wenigstens etwas bestellen.“
Nein.
Der Kühlschrank hat heute das letzte Wort.
Schaut hinein.
Was ist da?
Ein halber Brokkoli.
Vier Kartoffeln.
Ein Glas irgendwas, bei dem keiner mehr weiß, weshalb Ihr es gekauft habt.
Ein Stück Käse.
Zwei Eier.
Jetzt macht daraus Abendessen.
Ohne Einkauf.
Ihr könnt ein Rezept suchen.
Ihr könnt Euch auch überschätzen und frei arbeiten.
Falls am Ende etwas auf dem Teller liegt, das keiner freiwillig ein zweites Mal kocht, habt Ihr immerhin Material für eine Geschichte.
„Weißt Du noch, als wir beschlossen haben, aus Kartoffeln, Mango-Chutney und Feta etwas Kreatives zu machen?“
Ja.
Leider.
Es kann passieren, dass der Tag zuerst ein wenig holpert.
Dass Ihr Euch gegenseitig fragt:
„Was willst Du machen?“
Und beide keine Antwort haben.
Das darf kurz wehtun.
Denn vielleicht entdeckt Ihr dabei:
Wir haben irgendwann aufgehört, uns gemeinsam etwas auszudenken.
Ihr habt Euch daran gewöhnt, nebeneinander zu funktionieren.
Arbeit.
Einkauf.
Haus.
Familie.
Abends Sofa.
Am Wochenende wird etwas gebucht.
Und falls nichts gebucht ist, greift jeder zu seinem Bildschirm.
Der Beitrag „Handy statt Nähe in der Beziehung“ beginnt genau an so einem Abend: zwei Menschen auf demselben Sofa, beide beschäftigt, beide warten ein bisschen darauf, dass der andere auftaucht.
Vielleicht ist Euer Tag mit null Euro deshalb anfangs ungewohnt.
Ihr müsst wieder selbst auftauchen.
Bitte macht aus dieser Idee keinen Wettkampf gegen Instagram.
Der Tag braucht keinen Sonnenuntergang.
Kein gemeinsames Lachen auf jedem Foto.
Keine romantische Picknickdecke mit Weintrauben, die offenbar einzeln von einer Foodstylistin hingelegt wurden.
Vielleicht regnet es.
Vielleicht nervt einer.
Vielleicht war die Fahrradtour zu lang.
Vielleicht habt Ihr Euch bei der Frage gestritten, wer eigentlich die völlig bescheuerte Idee mit dem Waldweg hatte.
Dann war das eben Euer Tag.
Ihr seid keine Werbeanzeige für Paarharmonie.
Ihr habt etwas zusammen gemacht.
Morgen könnt Ihr es besser machen.
Oder anders.
Vielleicht passiert irgendwann etwas, das Ihr gar nicht geplant habt.
Ihr sitzt irgendwo.
Einer erzählt eine Geschichte, die der andere lange nicht gehört hat.
Ihr seht etwas Lustiges.
Ihr lauft eine Straße entlang, in der Ihr noch nie wart.
Einer legt den Kopf an die Schulter des anderen.
Oder Ihr sitzt einfach eine Weile da.
Ohne Bestellung.
Ohne Programm.
Ohne die Frage, was als Nächstes kommt.
Und für einen Moment denkt keiner:
Wir müssten dringend mehr aus unserer Beziehung machen.
Ihr seid einfach da.
Zusammen.
Das reicht manchmal erstaunlich weit.
Wenn Ihr wieder zu Hause seid, widersteht einer Versuchung.
Macht keine Sitzung daraus.
„Was hat Dir der heutige Tag über unsere Beziehung gezeigt?“
Lasst es.
Ihr habt keinen Workshop besucht.
Ihr wart zusammen unterwegs.
Vielleicht lautet die ganze Bilanz:
„War schön.“
Oder:
„Der Kuchen war eine Katastrophe.“
Oder:
„Das machen wir nochmal.“
Mehr braucht dieser Tag nicht.
Der Spaß braucht keinen therapeutischen Auftrag.
Darum ist die Aufgabe diesmal einfach.
Nehmt den Kalender.
Sucht einen Tag.
Schreibt hinein:
0-Euro-Tag.
Mehr plant Ihr vorerst nicht.
Wenn Ihr an diesem Morgen keine Ahnung habt, was Ihr machen sollt, habt Ihr den ersten Trainingsmoment bereits gefunden.
Dann fangt an.
Geht vor die Tür.
Nehmt etwas zu essen mit.
Biegt irgendwo ab.
Erfindet etwas.
Der erste Schritt darf klein sein. Genau darum geht es auch in „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“.
Und falls Ihr am Abend auf dem Sofa sitzt, müde seid und einer sagt:
„Das war stellenweise völlig bescheuert.“
Dann fehlt nur noch eine Antwort:
„Gut. Nächsten Samstag bist Du dran.“
ÜBER DEN AUTOR

Ole Böseke
Ole arbeitet mit Paaren an den Momenten, in denen Gespräche kippen. Kooperation versteht er als Entscheidung im richtigen Moment. Seine Arbeit verbindet Beziehung mit Training: beobachten, üben und im Alltag früher anders reagieren.
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