Paarkitt Blog: Beziehung als Training

Über Streit, Rückzug, Nähe und die Frage, wie Kooperation im Alltag trainierbar wird.

Ein Brief an Dich, weil ich mich neben Dir einsamer fühle als allein

Allein zu sein und sich allein zu fühlen sind zwei verschiedene Dinge.

Wenn Du allein in einer Wohnung sitzt, weißt Du, weshalb niemand antwortet.

Niemand sitzt neben Dir.

Niemand könnte gerade Deine Hand nehmen.

Niemand könnte fragen, wie Dein Tag war.

Schwieriger wird es, wenn all das möglich wäre.

Der Mensch sitzt zwei Meter entfernt.

Seine Schuhe stehen im Flur.

Seine Tasse steht neben Deiner.

Ihr schlaft im selben Bett.

Und trotzdem entsteht in Dir immer häufiger dieser Gedanke:

Ich bin hier allein.

Vielleicht ist das eine der schmerzhaftesten Formen von Einsamkeit.

Jemand ist da.

Und Du erreichst ihn nicht mehr.

Einsamkeit in einer Beziehung fällt lange nicht auf

Von außen sieht oft alles normal aus.

Ihr kauft zusammen ein.

Ihr besprecht Termine.

Ihr besucht Freunde.

Vielleicht fahrt Ihr noch gemeinsam in den Urlaub.

Niemand muss ständig streiten.

Gerade deshalb kann diese Form der Entfernung lange unbemerkt bleiben.

Es fehlt kein Partner.

Es fehlt der Kontakt.

Das Gespräch am Morgen dreht sich um den Tag.

Am Nachmittag kommt eine Nachricht:

„Bringst Du Brot mit?“

Abends läuft der Fernseher.

Einer schaut aufs Handy.

Der andere räumt noch etwas weg.

Alles funktioniert.

Nur die Frage

„Wie geht es Dir eigentlich?“

taucht immer seltener auf.

Und irgendwann fehlt sogar die Erwartung, dass sie noch kommt.

Mehr darüber, wie Bildschirme zu einem stillen Rückzugsort werden können, liest Du im Beitrag „Handy statt Nähe in der Beziehung“.

Besonders weh tut das Warten

Einsamkeit zu zweit besteht oft aus Warten.

Du wartest darauf, dass Dein Partner sich zu Dir dreht.

Dass er merkt, dass Du stiller bist als sonst.

Dass sie fragt, weshalb Du schon wieder so lange wach liegst.

Dass beim Vorbeigehen eine Hand auf Deinem Rücken liegen bleibt.

Dass jemand den ersten Schritt macht.

Vielleicht hast Du selbst längst aufgehört zu fragen.

Zu oft kam:

„Was soll denn sein?“

Oder:

„Wir haben doch gerade geredet.“

Oder der andere bot sofort eine Lösung an, obwohl Du eigentlich nur erzählen wolltest.

Dann wird das Schweigen irgendwann einfacher.

Und gleichzeitig immer schwerer.

„Wir reden doch“ ist nicht dasselbe wie Verbindung

Viele Paare sprechen jeden Tag miteinander.

Sehr viel sogar.

Über Versicherungen.

Über Arbeit.

Über Kinder.

Über Eltern.

Über den Einkauf.

Über die Frage, wer das Auto braucht.

Das sind Gespräche.

Sie halten das gemeinsame Leben am Laufen.

Trotzdem können zwei Menschen dabei emotional verhungern.

Denn irgendwann fehlt das Gespräch, bei dem keiner etwas organisieren muss.

Das Gespräch, in dem einer sagt:

„Heute war ein seltsamer Tag.“

Und der andere bleibt kurz da.

Ohne das Thema zu übernehmen.

Ohne den Blick wieder zum Bildschirm zu senken.

Ohne nach drei Sätzen zu erklären, was jetzt zu tun ist.

Wenn Du oft das Gefühl hast, dass Deine Worte zwar gehört werden, Du selbst aber nicht ankommst, lies auch „Mein Partner hört mir nicht zu“.

Der andere muss kein gefühlloser Mensch sein

Wenn Du Dich einsam fühlst, liegt ein Gedanke nahe:

Wenn ich ihm wichtig wäre, müsste er das doch merken.

Vielleicht stimmt etwas davon.

Vielleicht hat Dein Partner sich tatsächlich weit zurückgezogen.

Vielleicht hat er sich an den Abstand gewöhnt.

Vielleicht ist er innerlich längst an einem anderen Punkt als Du.

Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit.

Er erlebt Eure Beziehung anders.

Du spürst Verlust.

Er erlebt Ruhe.

Du vermisst Gespräche.

Er denkt, Ihr kennt Euch doch längst.

Du wartest auf einen Moment von Nähe.

Er glaubt, das gemeinsame Abendessen sei bereits Nähe.

Das macht Deine Einsamkeit nicht kleiner.

Es erklärt nur, weshalb zwei Menschen jahrelang im selben Haus leben können und völlig unterschiedliche Einschätzungen ihrer Beziehung haben.

Der vollständige Brief zum Download

Manche Gefühle lassen sich in einem Gespräch nur schwer aussprechen.

Sobald der Partner fragt:

„Was fehlt Dir denn?“

kommt vielleicht nur:

„Ach, vergiss es.“

Oder das Gespräch kippt nach wenigen Minuten in Verteidigung.

Der vollständige Brief „Ein Brief an Dich, weil ich mich neben Dir einsamer fühle als allein“ gibt diesem Gefühl Worte.

Er beschuldigt den anderen nicht, ein schlechter Partner zu sein.

Er beschreibt, wie sich eine Beziehung anfühlt, in der Nähe irgendwann nur noch räumlich vorhanden ist.

Du kannst den Brief weitergeben, einzelne Stellen daraus verwenden oder ihn zuerst nur für Dich lesen.

Den vollständigen Brief kostenlos herunterladen

Wenn Berührung irgendwann fehlt

Einsamkeit zeigt sich nicht nur in Gesprächen.

Manchmal fällt Dir auf, wie lange Ihr Euch nicht mehr wirklich berührt habt.

Kein Kuss, bei dem einer einen Moment länger bleibt.

Keine Hand, die den anderen sucht.

Keine Umarmung ohne Anlass.

Vielleicht gibt es noch die kurze Berührung beim Vorbeigehen.

Oder den Kuss beim Abschied, der inzwischen eher zum Tagesablauf gehört.

Auch hier entsteht selten ein klarer Tag, an dem Nähe verschwindet.

Sie wird Stück für Stück weniger.

Einer beginnt vorsichtiger zu werden.

Vielleicht gab es mehrfach eine Zurückweisung.

Vielleicht wurde aus jeder Berührung sofort die Frage, ob daraus Sex entstehen soll.

Dann lässt man es irgendwann.

Und genau das kann die Einsamkeit neben einem vertrauten Menschen noch verstärken.

Mehr dazu liest Du im Beitrag „Keine körperliche Nähe mehr in der Beziehung – was jetzt?“.

Irgendwann hört man auf, einen Versuch zu machen

Am Anfang sagt Sabine vielleicht:

„Kommst Du noch kurz zu mir?“

Thomas sagt:

„Gleich.“

Später schläft Sabine.

Am nächsten Abend wartet sie wieder.

Irgendwann fragt sie nicht mehr.

Thomas bemerkt nur:

Sabine geht jetzt früher ins Bett.

Er denkt vielleicht, sie sei müde.

Sie denkt:

Er vermisst mich nicht einmal.

So entstehen zwei Geschichten.

Jeder erlebt nur die eigene.

Mit jedem ausgelassenen Versuch wird der nächste schwerer.

Irgendwann erscheint ein kleines Gespräch fast peinlicher als das Schweigen.

Dann sagt keiner mehr:

„Ich vermisse Dich.“

Stattdessen heißt es:

„Du bist sowieso immer müde.“

Oder:

„Lass gut sein.“

Die Sehnsucht steckt noch im Satz.

Man erkennt sie nur nicht mehr sofort.

Rückzug schützt – und vergrößert den Abstand

Wer sich oft nicht gesehen fühlt, schützt sich irgendwann.

Du erzählst weniger.

Du fragst weniger.

Du erwartest weniger.

Das kann sich zunächst sogar angenehm anfühlen.

Weniger Hoffnung bedeutet schließlich auch weniger Enttäuschung.

Nur entsteht daraus leicht ein Kreislauf.

Du ziehst Dich zurück, weil Du Dich allein fühlst.

Dein Partner erlebt Deinen Rückzug und lässt Dich in Ruhe.

Diese Ruhe bestätigt Dir:

Siehst Du. Es interessiert ihn wirklich nicht.

Also ziehst Du Dich noch weiter zurück.

Was ursprünglich Schutz war, wird langsam Teil der Entfernung.

Mehr über diesen Kreislauf findest Du im Beitrag „Was tun, wenn der Partner sich zurückzieht?“.

Einsamkeit ist kein Beweis, dass die Liebe vorbei ist

Der Gedanke kommt trotzdem irgendwann:

Wenn ich mich neben diesem Menschen so allein fühle, kann unsere Beziehung doch nicht mehr stimmen.

Vielleicht stimmt tatsächlich vieles nicht mehr.

Das sollte ernst genommen werden.

Doch Einsamkeit allein beantwortet noch nicht die Frage, ob zwischen Euch wieder etwas entstehen kann.

Sie zeigt zuerst:

So, wie wir gerade miteinander leben, reicht es mir nicht mehr.

Das ist bereits eine wichtige Erkenntnis.

Denn lange Beziehungen scheitern manchmal weniger an einem großen Ereignis als an jahrelangem Gewöhnen.

Man gewöhnt sich an kurze Antworten.

An getrennte Abende.

An wenig Berührung.

An die Tatsache, dass man wichtige Gedanken inzwischen lieber jemand anderem erzählt.

Bis einer merkt:

Ich habe aufgehört, von Dir etwas zu erwarten.

Spätestens dort braucht die Beziehung Bewegung.

Sag nicht gleich alles

Wenn sich jahrelange Einsamkeit angestaut hat, entsteht schnell der Wunsch nach dem großen Gespräch.

Heute kommt alles auf den Tisch.

Jeder einsame Abend.

Jede fehlende Berührung.

Jede Enttäuschung.

Jeder Versuch, der irgendwann aufgegeben wurde.

Für den anderen kann das wie eine Anklageschrift über die gesamte Beziehung wirken.

Dann beginnt Verteidigung.

„So schlimm war es doch überhaupt nicht.“

Und schon streitet Ihr darüber, ob Deine Einsamkeit berechtigt ist.

Beginne kleiner.

Zum Beispiel:

„Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass ich Dich vermisse, obwohl wir jeden Tag zusammen sind.“

Dieser Satz beschreibt Deine Erfahrung.

Er lässt noch Platz für eine Antwort.

Oder:

„Ich möchte, dass zwischen uns wieder mehr passiert als Alltag.“

Damit steht etwas Konkretes im Raum.

Keine vollständige Lösung.

Aber ein Anfang.

Was Du jetzt beobachten kannst

Achte weniger auf die perfekte Reaktion im ersten Gespräch.

Vielleicht erschrickt Dein Partner.

Vielleicht versteht er zunächst gar nicht, was Du meinst.

Interessanter ist, was danach geschieht.

Kommt er später noch einmal darauf zurück?

Fragt sie nach?

Entsteht ein eigener Versuch?

Setzt sich Dein Partner am nächsten Abend zu Dir?

Bleibt er für zehn Minuten wirklich da?

Daran erkennst Du mehr als an einem großen Versprechen.

Nähe kommt im Alltag zurück.

Dort ist sie auch verschwunden.

Einsamkeit zu zweit braucht zwei Menschen

Du kannst den ersten Schritt machen.

Du kannst Worte finden.

Du kannst Dich wieder zeigen.

Du kannst Deinem Partner sagen, dass Dir etwas fehlt.

Den ganzen Weg kannst Du nicht allein gehen.

Wenn einer immer wieder Kontakt sucht und der andere dauerhaft ausweicht, bleibt irgendwann eine wichtige Frage:

Willst nur Du wieder näher kommen?

Auch darauf darf es eine ehrliche Antwort geben.

Liebe zeigt sich nicht nur darin, was jemand fühlt.

Sie zeigt sich auch darin, ob er bereit ist, für den Kontakt wieder aufzustehen.

Den vollständigen Brief herunterladen

Manchmal braucht es zuerst Worte, bevor ein Gespräch möglich wird.

Der vollständige Brief sagt:

Ich bin noch da. Aber ich möchte mich neben Dir nicht länger allein fühlen.

Er spricht über den gemeinsamen Alltag, das Warten, die fehlende Nähe und die Hoffnung, dass zwischen zwei Menschen wieder echter Kontakt entstehen kann.

„Ein Brief an Dich, weil ich mich neben Dir einsamer fühle als allein“ kostenlos herunterladen

 

Wenn Ihr beide merkt, dass Euch etwas fehlt

Falls Ihr Euch in diesem Text wiedererkennt und beide spürt, dass Ihr so nicht weitermachen möchtet, kann ein Erstgespräch helfen, die Lage zu sortieren.

Es geht zuerst darum herauszufinden, was zwischen Euch tatsächlich passiert und welcher nächste Schritt sinnvoll ist.

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ÜBER DEN AUTOR

Autor

Ole Böseke

Ole arbeitet mit Paaren an den Momenten, in denen Gespräche kippen. Kooperation versteht er als Entscheidung im richtigen Moment. Seine Arbeit verbindet Beziehung mit Training: beobachten, üben und im Alltag früher anders reagieren.

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