Über Streit, Rückzug, Nähe und die Frage, wie Kooperation im Alltag trainierbar wird.
Ihr liegt abends im Bett.
Einer dreht sich nach links, der andere nach rechts.
Früher lag da noch ein Arm. Ein Fuß berührte den anderen. Manchmal gab es einen Kuss, der nach mehr aussah.
Heute liegt zwischen Euch vielleicht ein Handy.
Oder einfach Luft.
Viel Luft.
Und irgendwann taucht die Frage auf:
Was ist eigentlich mit uns passiert?
Körperliche Nähe verschwindet selten an einem Dienstag um 19.30 Uhr.
Sie zieht sich eher zurück.
Erst fällt der Kuss beim Nachhausekommen aus. Dann sitzt jeder auf seiner Sofaseite. Berührungen werden kürzer. Sex wird seltener. Irgendwann merkt einer von beiden, dass er sich gar nicht mehr erinnern kann, wann der andere ihn zuletzt einfach so angefasst hat.
Ohne Anlass.
Ohne Erwartung.
Einfach, weil man gern nah war.
Nein.
Es heißt erst einmal genau das, was Du siehst:
Eure körperliche Nähe ist verschwunden oder deutlich weniger geworden.
Mehr weißt Du noch gar nicht.
Menschen machen an dieser Stelle gern etwas, das sie auch sonst gut können: Sie schreiben sofort die ganze Geschichte dazu.
„Er begehrt mich nicht mehr.“
„Sie liebt mich wohl nicht mehr.“
„Bestimmt hat er jemand anderen.“
„Bei uns ist alles vorbei.“
Vielleicht stimmt davon etwas.
Vielleicht stimmt gar nichts davon.
Bevor Du ein Urteil fällst, lohnt sich ein Blick auf das, was tatsächlich passiert.
Denn zwischen „Wir berühren uns gerade selten“ und „Unsere Beziehung ist am Ende“ liegen einige Meter Spielfeld.
Falls Du vor allem diese beiläufige Zärtlichkeit vermisst – die Hand am Rücken, den Kuss in der Küche, die Berührung ohne Auftrag –, lies auch den Beitrag Ein Brief an Dich, weil ich mich an unsere letzte zärtliche Berührung kaum erinnere.
Viele Paare suchen das Problem dort, wo sie es zuletzt bemerken: im Bett.
Dabei beginnt körperliche Distanz häufig morgens in der Küche.
Einer sagt etwas.
Der andere reagiert genervt.
Beim Frühstück fällt ein kleiner Seitenhieb.
Am Nachmittag bleibt eine Nachricht unbeantwortet.
Abends liegt noch der Streit von gestern auf dem Tisch, obwohl keiner darüber spricht.
Und dann soll um 22.45 Uhr plötzlich Zärtlichkeit entstehen.
Das ist ungefähr so, als hättet Ihr Euch den ganzen Tag beim Doppeltennis die Bälle an den Kopf geschossen und wundert Euch anschließend, warum keiner Lust auf eine Umarmung hat.
Körperliche Nähe lebt vom Alltag davor.
Von Blicken.
Von kleinen Berührungen.
Von dem Gedanken: Mit Dir bin ich gerade gern zusammen.
Wenn das über Wochen oder Monate verschwindet, bekommt irgendwann auch der Körper die Nachricht.
Manchmal sitzen beide sogar jeden Abend nebeneinander und entfernen sich dabei weiter voneinander. Wie leicht Handy und Fernseher dabei zum Ausweichplatz werden, beschreibe ich in Handy statt Nähe in der Beziehung.
„Wir müssen über unser Sexleben sprechen.“
Dieser Satz hat schon viele gemütliche Abende beendet.
Natürlich könnt Ihr über Sex sprechen.
Die Frage ist nur, wann.
Wenn zwischen Euch seit Monaten wenig Wärme herrscht, wird ein Gespräch über Häufigkeit, Lust oder Initiative schnell zur Leistungsbesprechung.
Dann sitzt einer da und hört:
„Du willst mich zu selten.“
„Immer muss ich anfangen.“
„Früher warst Du ganz anders.“
Viel Lust entsteht daraus selten.
Beginnt besser einen Schritt früher.
Fragt Euch:
Wann haben wir eigentlich aufgehört, uns im Alltag zu berühren?
Da liegt häufig mehr Wahrheit als in der Frage, wie oft Ihr Sex habt.
Ein Paar kann wenig Sex haben und sich trotzdem körperlich nah sein.
Ein Kuss in der Küche.
Eine Hand im Nacken.
Der Kopf auf der Schulter.
Eine Berührung im Vorbeigehen.
Zehn Minuten zusammen auf dem Sofa, während das Handy auf dem Tisch bleibt.
All das zählt.
Und genau dort lässt sich Nähe oft leichter wieder aufbauen.
Viele Paare machen den Fehler, vom Stillstand direkt zum großen Neustart springen zu wollen.
Das klappt beim Sport schon selten.
Nach sechs Monaten Pause läufst Du auch keinen Halbmarathon, nur weil Du Deine alten Laufschuhe wiedergefunden hast.
Nähe braucht manchmal dasselbe Prinzip:
kleine Belastung, regelmäßige Wiederholung.
Bei körperlicher Distanz entsteht schnell eine offene Rechnung.
„Ich habe ihn dreimal geküsst. Von ihm kam nichts.“
„Ich habe mich letzte Woche an sie gekuschelt. Sie ist aufgestanden.“
„Immer gehe ich auf ihn zu.“
Von da an wird gezählt.
Wer beginnt?
Wer lehnt ab?
Wer dreht sich weg?
Wer zeigt mehr Lust?
Wer gibt weniger?
Das Problem mit dieser Buchhaltung: Jede Berührung bekommt plötzlich Gewicht.
Aus einem Kuss wird ein Test.
Aus einer Umarmung eine Prüfung.
Und niemand berührt gern jemanden, wenn dabei innerlich schon die Punkte gezählt werden.
Wenn Ihr Euch seit Monaten körperlich fern seid, braucht Ihr keinen romantischen Wochenendtrip mit Kerzenbad und Rosenblättern auf dem Bett.
Das kann sogar Druck machen.
Beginnt kleiner.
Setzt Euch beim Fernsehen wieder näher zusammen.
Gebt Euch beim Weggehen einen richtigen Kuss.
Leg kurz Deine Hand auf den Rücken Deines Partners, wenn Du an ihm vorbeigehst.
Bleibt bei einer Umarmung zwei Sekunden länger stehen.
Das wirkt fast lächerlich klein.
Gut.
Dann ist die Hürde niedrig genug, dass Ihr anfangen könnt.
Probiert für eine Woche etwas aus.
Jeder von Euch sucht einmal am Tag eine kleine körperliche Nähe.
Ohne daraus mehr machen zu wollen.
Kein Test.
Keine Erwartung auf Sex.
Keine anschließende Frage: „Na, fühlst Du jetzt wieder mehr?“
Einfach eine Berührung.
Ein Kuss.
Eine Umarmung.
Eine Hand.
Dann lasst Ihr den Moment stehen.
Der Körper darf wieder lernen, dass Nähe keine Forderung ankündigt.
Gerade nach längerer Distanz zählt das.
Wenn jede Berührung sofort als Einladung zum Sex gelesen wird, zieht sich derjenige mit weniger Lust häufig noch stärker zurück.
Dann brauchst Du Klarheit.
Ein Satz reicht häufig:
„Mir fällt auf, dass wir uns fast gar nicht mehr berühren. Ich vermisse das. Wie geht es Dir damit?“
Danach hörst Du zu.
Versuche, Deinen nächsten Satz noch nicht vorzubereiten.
Vielleicht sagt Dein Partner:
„Ich vermisse es auch.“
Vielleicht kommt:
„Ich habe gerade überhaupt kein Bedürfnis danach.“
Oder:
„Zwischen uns liegt zu viel.“
Damit habt Ihr endlich etwas, womit Ihr arbeiten könnt.
Schwieriger wird es, wenn jede Form von Gespräch abgewehrt wird.
Dann betrifft das Thema längst mehr als Körperkontakt.
Eine Beziehung kann Distanz aushalten.
Dauerhafte Verweigerung jeder Klärung macht gemeinsames Training irgendwann unmöglich.
Wenn Du genau diesen Ablauf kennst – Du suchst Kontakt und Dein Partner macht immer weiter zu –, findest Du im Beitrag Was tun, wenn der Partner sich zurückzieht? einen eigenen Trainingsweg dafür.
Das kommt häufig vor.
Einer leidet.
Der andere sagt:
„Für mich ist doch alles in Ordnung.“
Dann entsteht schnell ein gefährlicher Kreislauf.
Der eine sucht mehr Nähe.
Der andere erlebt Druck und zieht sich zurück.
Daraufhin sucht der Erste noch stärker Kontakt.
Der Zweite geht weiter auf Abstand.
Nach einigen Monaten denkt jeder, der andere sei das Problem.
Dabei trainieren beide längst miteinander ein Muster.
Hier hilft kein kräftigerer Anlauf.
Ihr müsst den Ablauf früher stoppen.
Derjenige, der Nähe sucht, übt weniger Druck.
Derjenige, der zurückweicht, übt eine klarere Antwort.
Zum Beispiel:
„Heute möchte ich keinen Sex. Aber komm mal her.“
So bleibt die Ablehnung auf das begrenzt, was gerade gemeint ist.
Manchmal gab es vorher etwas.
Eine Affäre.
Eine schwere Kränkung.
Monate voller Streit.
Einen Vertrauensbruch.
Dann lässt sich körperliche Nähe nicht so einfach bestellen wie Pizza.
Der Kopf sagt vielleicht:
„Wir haben doch darüber gesprochen.“
Der Körper sagt:
„Ich bin noch nicht wieder so weit.“
Das braucht Aufmerksamkeit.
Zärtlichkeit nach einer Verletzung folgt keinem Kalender.
Trotzdem darf daraus kein ewiges Niemandsland werden.
Irgendwann braucht es die Frage:
Was müsste zwischen uns im Alltag passieren, damit Nähe wieder möglich wird?
Diese Frage führt weiter als:
„Wann schlafen wir endlich wieder miteinander?“
Viele Paare warten darauf, dass Nähe irgendwann von selbst zurückkommt.
Nach dem Urlaub.
Wenn weniger Stress ist.
Wenn die Kinder größer sind.
Wenn das Projekt vorbei ist.
Wenn beide ausgeschlafen sind.
Dann vergeht ein Jahr.
Manchmal zwei.
Nähe verhält sich wie vieles in einer Beziehung: Was lange nicht geübt wird, wird fremd.
Darum darf der erste Schritt klein sein.
Sehr klein.
Aber er sollte stattfinden.
Wenn Du heute etwas ausprobieren willst, mach Folgendes:
Wenn Ihr Euch das nächste Mal begegnet, schau Deinen Partner einen Moment an.
Leg das Handy weg.
Berühr ihn kurz.
Kein großes Gespräch.
Keine Analyse.
Vielleicht nur eine Hand am Arm.
Beobachte, was passiert.
Das ist noch keine Lösung.
Es ist eine erste Trainingseinheit.
Und manchmal beginnt genau dort etwas, das lange gefehlt hat:
Einer macht wieder den ersten kleinen Schritt.
Der andere muss darauf noch keinen Roman antworten.
Eine Hand reicht fürs Erste.
Wenn Ihr Euch noch wichtig seid und trotzdem merkt, wie Abstand zur Gewohnheit wird, braucht Ihr einen Platz zum Üben.
Im Paarkitt-Trainings-Club nehmt Ihr Euch jeden Monat ein konkretes Beziehungsthema vor. Ihr schaut auf die kleinen Momente, in denen Nähe verloren geht: der Griff zum Handy, das Schweigen auf dem Sofa, der Satz, der wieder falsch herauskommt.
Dann trainiert Ihr einen anderen Ablauf.
Ohne Euer ganzes Leben auf links zu drehen.
ÜBER DEN AUTOR

Ole Böseke
Ole arbeitet mit Paaren an den Momenten, in denen Gespräche kippen. Kooperation versteht er als Entscheidung im richtigen Moment. Seine Arbeit verbindet Beziehung mit Training: beobachten, üben und im Alltag früher anders reagieren.
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