Über Streit, Rückzug, Nähe und die Frage, wie Kooperation im Alltag trainierbar wird.
Ich meine wirklich zum ersten Mal.
Keiner von Euch kennt sich aus. Keiner weiß vorher, wie es geht. Keiner kann mit diesem leicht überlegenen Gesicht sagen:
„Gib her, ich mach das.“
Vielleicht habt Ihr getöpfert. Einen Tanz gelernt. Zum ersten Mal Padel gespielt. Koreanisch gekocht. Euch beim Geocaching im Wald verlaufen und nach zwanzig Minuten gemerkt, dass Ihr die falsche App geöffnet habt.
Falls Euch gerade kein Beispiel einfällt, ist das schon interessant.
Viele Paare kennen nach einigen Jahren ziemlich genau, wie ihr gemeinsames Wochenende aussieht. Wo sie essen. Welche Runde sie spazieren. Wer beim Frühstück zuerst die Zeitung oder das Handy nimmt. Welche Serie abends läuft.
Das kann angenehm sein.
Irgendwann sieht Dienstag allerdings verdächtig nach Montag aus.
Wenn zwei Menschen lange zusammen sind, werden sie ziemlich gut darin, ihren Alltag zu organisieren.
Einkaufen. Kochen. Termine. Wäsche. Familie. Arbeit. Urlaub planen. Rechnungen bezahlen.
Das gemeinsame Leben läuft.
Dabei verschwindet leicht etwas, das am Anfang einer Beziehung ständig da war: Beide erleben Dinge, deren Ausgang sie noch nicht kennen.
Das erste gemeinsame Wochenende.
Das erste Essen in einem neuen Restaurant.
Die erste Reise.
Der erste Besuch bei der Familie des anderen.
Die erste Nacht in einer fremden Stadt.
Damals musste niemand auf die Idee kommen, „mal etwas Neues für die Beziehung zu machen“. Neu war sowieso fast alles.
Später kennt Ihr Euch. Ihr kennt Eure Vorlieben. Eure Abneigungen ebenfalls.
„Da brauchen wir gar nicht hin. Das ist nichts für Dich.“
„Tanzen magst Du doch nicht.“
„Du hasst Camping.“
„Das haben wir schon mal probiert.“
Praktisch.
Und ein ziemlich gutes Verfahren, um Überraschungen aus dem Kalender zu entfernen.
Für den Anfang reicht eine einzige Regel:
Macht etwas, bei dem Ihr beide Anfänger seid.
Wenn einer seit zwanzig Jahren Tennis spielt und der andere zum ersten Mal einen Schläger hält, entsteht schnell Unterricht.
„Du musst den Schläger anders halten.“
„Geh mit dem Fuß weiter nach vorn.“
„Nein, so nicht.“
Fünf Minuten später hat einer einen Trainer, obwohl er eigentlich einen Partner mitgebracht hat.
Darum: gleiche Startlinie.
Töpfern.
Jonglieren.
Tischtennis, falls Ihr beide seit der Klassenfahrt 1987 keinen Schläger mehr in der Hand hattet.
Einen einfachen Tanz lernen.
Geocaching ausprobieren.
Etwas kochen, dessen Namen Ihr beide erst googeln müsst.
Eine Kletterhalle besuchen.
Zu einem Poetry Slam gehen, obwohl keiner von Euch erklären kann, warum Menschen freiwillig Gedichte auf Zeit vorlesen.
Was Ihr auswählt, ist zweitrangig.
Hauptsache, keiner hat Heimvorteil.
Bei „wir sollten mal wieder etwas machen“ landet der Kopf gern sofort bei Wochenende, Hotel, Konzertkarten oder irgendeinem Programmpunkt, der drei Wochen vorher gebucht werden muss.
Macht es kleiner.
Eine Stunde reicht.
Nehmt den Bus und steigt dort aus, wo Ihr noch nie ausgestiegen seid.
Geht in einen Lebensmittelladen, den Ihr sonst nie besucht, und kauft jeder eine unbekannte Zutat.
Sucht Euch ein Spiel aus, das keiner kennt.
Fahrt mit dem Fahrrad in eine Richtung, die Ihr sonst nie nehmt.
Geht zu einer Veranstaltung, die Ihr normalerweise im Veranstaltungskalender überblättert.
Das Ziel ist kein außergewöhnlicher Abend.
Ihr braucht nur eine kleine Stelle im gewohnten Ablauf, an der keiner genau weiß, was gleich passiert.
Auch daraus lässt sich natürlich ein abendfüllendes Programm machen.
„Was sollen wir denn machen?“
„Keine Ahnung. Sag Du.“
„Ich hab doch letztes Mal schon was ausgesucht.“
Zack. Schon sitzt Ihr wieder auf dem Sofa.
Dann macht die Auswahl einfacher.
Jeder schreibt zwei Dinge auf kleine Zettel. Alles muss diese Woche machbar sein und darf Euer normales Freizeitbudget nicht sprengen.
Zettel falten. In eine Schüssel werfen. Einen ziehen.
Das war's.
Falls dort „Salsa-Schnupperkurs“ steht und Ihr beide ungefähr so beweglich seid wie zwei Gartenstühle, habt Ihr möglicherweise sogar besonders viel davon.
Der Zweck liegt schließlich darin, dass keiner vorher weiß, wie der Abend läuft.
Umso besser.
Der Töpferkurs kann damit enden, dass aus der geplanten Müslischale etwas entsteht, das verdächtig nach Aschenbecher aussieht.
Beim Tanzen kann einer dem anderen auf die Füße treten.
Das unbekannte Essen kann schmecken, als hätte jemand Spülmittel mit Erdnüssen verrührt.
Beim Geocaching findet Ihr vielleicht alles, außer den Cache.
Dann habt Ihr immerhin eine neue Geschichte.
Viele Paare erzählen sich nach Jahren vor allem alte Geschichten.
„Weißt Du noch damals in Italien?“
„Weißt Du noch, als wir den Zug verpasst haben?“
„Weißt Du noch, wie Du beim Zelten nachts dachtest, da wäre ein Wildschwein?“
Solche Geschichten entstehen selten auf dem Sofa, während einer durch Instagram wischt und der andere die Fernbedienung sucht.
Wenn Ihr Euch darin wiedererkennt, passt dazu auch der Beitrag „Handy statt Nähe in der Beziehung“.
Neue Geschichten brauchen Gelegenheit.
Mehr verlangt dieser Gedanke gar nicht.
Jetzt kommt eine Regel, die mir für diese ganze Kategorie wichtig ist.
Ihr müsst den Abend hinterher nicht auswerten.
Keine Frage wie:
„Was hat das heute mit unserer Beziehung gemacht?“
Kein Punktesystem für Nähe.
Kein Gespräch darüber, welche Erkenntnis jeder mitnimmt.
Vielleicht sagt einer auf dem Heimweg einfach:
„Die Nudeln waren grauenhaft.“
Und der andere:
„Nächstes Mal suchst Du das Rezept aus.“
Reicht.
Spaß braucht keinen therapeutischen Auftrag.
Manche Dinge dürfen einfach deshalb stattfinden, weil zwei Menschen zusammen etwas erlebt haben.
Ihr braucht jetzt keine Liste mit 73 Date-Ideen.
Sucht eine Sache.
Eine.
Etwas, das Ihr beide noch nie gemacht habt und das sich in den nächsten sieben Tagen unterbringen lässt.
Schreibt es in den Kalender.
Dann geht hin.
Der erste Schritt muss selten groß sein. Dazu passt auch „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“.
Und falls Euer Versuch grandios misslingt, habt Ihr für den nächsten Abend wenigstens etwas zu erzählen.
Also: Wann macht Ihr beide wieder etwas zum ersten Mal?
ÜBER DEN AUTOR

Ole Böseke
Ole arbeitet mit Paaren an den Momenten, in denen Gespräche kippen. Kooperation versteht er als Entscheidung im richtigen Moment. Seine Arbeit verbindet Beziehung mit Training: beobachten, üben und im Alltag früher anders reagieren.
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