Paarkitt Blog: Beziehung als Training

Über Streit, Rückzug, Nähe und die Frage, wie Kooperation im Alltag trainierbar wird.

Für Euch ist es Alltag. Für sie ist es Kindheit.

Wie Kinder unter den Problemen ihrer Eltern leiden – und was Ihr dagegen tun könnt

Es ist kurz nach acht.

Im Kinderzimmer brennt noch Licht. Auf dem Boden liegen Legosteine. Das Buch im Bett ist seit fünf Minuten auf derselben Seite aufgeschlagen.

Aus der Küche kommen Stimmen.

Erst leise.

Dann lauter.

Ein Satz fällt.

„Ich kann so langsam nicht mehr.“

Stille.

Das Kind kennt diese Stille.

Es kennt inzwischen auch das Geräusch der Küchenschublade, wenn Papa sauer ist. Es weiß, wie Mama „Lass gut sein“ sagt, wenn überhaupt nichts gut ist.

Es versteht längst nicht alles, was die beiden besprechen.

Geld.

Nähe.

Arbeit.

Alte Geschichten.

Irgendetwas mit Oma.

Darum geht es für das Kind auch gar nicht.

Es hört zwei Menschen, von denen seine Welt abhängt.

Und irgendetwas zwischen diesen beiden stimmt gerade nicht.

Am nächsten Morgen stehen Brotdose und Kakao auf dem Tisch.

„Hast Du Deine Sportsachen?“

„Beeil Dich, wir müssen los.“

Alltag.

Für Euch vielleicht.

Für Euer Kind war das gestern Abend ein Teil seiner Kindheit.

 


 

Kinder müssen einen Streit nicht verstehen, um ihn zu erleben

Erwachsene unterschätzen leicht, wie viel Kinder mitbekommen.

Vielleicht habt Ihr gar nicht vor ihnen gestritten.

Ihr habt gewartet, bis sie im Bett waren.

Die Tür war zu.

Ihr habt versucht, leise zu reden.

Kinder brauchen trotzdem kein Protokoll des Gesprächs.

Sie sehen am nächsten Morgen Eure Gesichter.

Sie merken, dass Papa beim Frühstück nur auf sein Handy schaut.

Sie hören, wie Mama einen vollkommen normalen Satz plötzlich in diesem Ton sagt.

Sie erleben den Sonntag, an dem jeder mit jemand anderem redet und die beiden Erwachsenen miteinander nur das Nötigste klären.

„Wer fährt Lena zum Sport?“

„Ich.“

„Wann bist Du zurück?“

„Keine Ahnung.“

„Gut.“

Kinder sind mittendrin.

Auch wenn keiner sie gefragt hat.

 


 

Streit gehört zu Familien

Zwei Menschen leben zusammen. Sie haben unterschiedliche Wünsche, schlechte Tage, alte Verletzungen und manchmal schlicht Hunger.

Natürlich geraten sie aneinander.

Kinder brauchen keine Eltern, die jeden Konflikt hinter einer freundlich lächelnden Fassade verstecken.

Sie dürfen erleben, dass Menschen verschiedener Meinung sind.

Sie dürfen sehen, dass Papa genervt ist.

Mama darf sagen, dass sie sauer ist.

Ein Kind kann dabei sogar etwas lernen, das es später dringend braucht:

Menschen können sich streiten und danach wieder miteinander sprechen.

Jemand kann einen Fehler machen und ihn zugeben.

Ein Satz kann verletzen und anschließend repariert werden.

Schwierig wird es, wenn der Konflikt zum Klima im Haus wird.

Wenn Streit immer wieder hochgeht.

Wenn er verletzend wird.

Wenn tagelang Schweigen folgt.

Wenn einer den anderen abwertet.

Wenn jeder beim Abendessen merkt, dass etwas in der Luft hängt.

Dann erlebt ein Kind keinen einzelnen Streit mehr.

Es lebt darin.

 


 

„Zum Glück bekommt er davon wenig mit“

Vielleicht stimmt das.

Vielleicht auch nicht.

Kinder reagieren sehr verschieden.

Manche werden laut.

Sie streiten plötzlich selbst mehr. In der Schule gibt es Ärger. Die Tür zum Kinderzimmer fliegt häufiger zu.

Andere ziehen sich zurück.

Und manche werden erstaunlich pflegeleicht.

Das sind die Kinder, bei denen Erwachsene erleichtert sagen:

„Mit ihr haben wir wenigstens keine Probleme.“

Sie räumt den Tisch ab.

Sie beschäftigt sich allein.

Sie passt auf den kleinen Bruder auf.

Sie fragt Mama: „Bist Du müde?“

Sie erzählt Papa lieber nichts von der Fünf in Mathe, weil heute sowieso schon schlechte Stimmung ist.

Mit zehn Jahren hat sie vielleicht keine Worte dafür.

Sie hat nur gemerkt:

Hier ist gerade genug los. Ich mache besser keinen zusätzlichen Ärger.

Auch das kann eine Reaktion sein.

 


 

Kinder beobachten Beziehung, lange bevor sie selbst eine führen

Ein Kind sitzt nicht mit einem Block am Esstisch und schreibt mit:

Lektion 17: So behandelt man Menschen, wenn man enttäuscht ist.

Trotzdem sieht es Euch.

Es erlebt, was ein Mensch macht, wenn er wütend wird.

Wird er laut?

Verschwindet er?

Spricht er tagelang nur das Nötigste?

Macht er den anderen lächerlich?

Kann er später zurückkommen und sagen:

„Das eben war daneben.“

Kinder erleben täglich kleine Unterrichtsstunden über Beziehung.

Viele davon dauern nur dreißig Sekunden.

Der Blick über den Tisch.

Die Bemerkung im Auto.

Das Augenrollen.

Der Satz über Papa, sobald Papa den Raum verlassen hat.

Die Art, wie Mama begrüßt wird.

Die Art, wie Papa verabschiedet wird.

Keiner hat diesen Unterricht geplant.

Er findet trotzdem statt.

 


 

Besonders schwer wird es, wenn ein Kind plötzlich mitspielen soll

„Sag Deinem Vater, dass wir um sechs losfahren.“

Er sitzt zwei Zimmer weiter.

„Frag Mama mal, warum sie schon wieder so komisch ist.“

„Du kennst Deinen Vater ja.“

„Findest Du auch, dass Mama übertreibt?“

Solche Sätze wirken im Alltag manchmal harmlos.

Für ein Kind verändern sie die Position.

Plötzlich steht es zwischen Euch.

Es soll Nachrichten überbringen.

Partei ergreifen.

Trösten.

Geheimnisse bewahren.

Stimmung ausgleichen.

Vielleicht hört es irgendwann sogar:

„Ich bin nur noch wegen Euch hier.“

Was soll ein Kind damit anfangen?

Papa ist unglücklich, bleibt aber wegen mir?

Mama will eigentlich gehen, tut es wegen mir aber nicht?

Bin ich jetzt der Grund dafür, dass zwei Erwachsene ein Leben führen, das sie beide unglücklich macht?

Diese Last gehört auf keine Kinderzimmerkommode.

 


 

Auch Schweigen kann durchs ganze Haus gehen

Bei Streit denken viele zuerst an Geschrei.

Türen.

Tränen.

Vorwürfe.

Es gibt eine leisere Variante.

Das Paar, das seit Monaten fast nur noch organisiert.

Die beiden sitzen beim Abendessen mit den Kindern am Tisch und reden freundlich.

„Kannst Du mir bitte das Wasser geben?“

„Klar.“

„Danke.“

Alles gesittet.

Nur schaut sich keiner mehr an.

Später sitzt einer auf dem Sofa. Der andere im Schlafzimmer.

Am Wochenende übernimmt jeder seine Aufgaben.

Einkaufen.

Fußball.

Wäsche.

Besuch bei den Großeltern.

Der Betrieb läuft.

Kinder merken häufig auch diese Distanz.

Vielleicht können sie sie gar nicht benennen.

Sie wissen nur, dass Papa früher beim Kochen immer Quatsch gemacht hat.

Dass Mama früher neben ihm auf dem Sofa saß.

Dass beide im Auto einmal miteinander geredet haben.

Jetzt ist vieles ruhiger geworden.

Und irgendwie fühlt sich diese Ruhe merkwürdig an.

 


 

Der Satz, den ein Kind niemals tragen sollte

Vielleicht ist Eure Beziehung gerade wirklich schwierig.

Vielleicht weiß einer von Euch inzwischen selbst nicht mehr, ob er bleiben will.

Vielleicht habt Ihr denselben Streit fünfzigmal geführt.

Vielleicht gab es einen Seitensprung.

Vielleicht ist so viel passiert, dass ein gemeinsamer Abend bereits Kraft kostet.

All das darf wahr sein.

Euer Kind braucht trotzdem eine Botschaft:

Du bist nicht verantwortlich für das, was zwischen uns Erwachsenen passiert.

Das kann man sogar sagen.

Ganz schlicht.

„Du hast gestern unseren Streit mitbekommen. Das war zwischen Mama und Papa.“

„Du hast nichts falsch gemacht.“

„Du musst das nicht lösen.“

„Wir kümmern uns darum.“

Solche Sätze machen einen Streit nicht ungeschehen.

Sie räumen nur etwas vom Rücken des Kindes, das dort nie hingehört hat.

 


 

Nach dem Streit beginnt eine zweite Chance

Viele Eltern denken nach einem Streit:

Mist. Das Kind hat alles gehört.

Jetzt ist es passiert.

Damit endet die Geschichte noch lange nicht.

Geht später hin.

Sprecht darüber.

Altersgerecht.

Ohne Details über Eure Beziehung, mit denen ein Kind nichts anfangen kann.

Ein Achtjähriger braucht keine Analyse Eurer Ehe.

Er braucht Orientierung.

„Wir waren sehr sauer aufeinander.“

„Wir hätten anders miteinander reden sollen.“

„Das war unser Streit.“

„Du bist sicher.“

Und wenn Ihr Euch wieder beruhigt habt, darf ein Kind das ruhig mitbekommen.

Es darf sehen, dass zwei Menschen am nächsten Morgen wieder miteinander sprechen.

Dass jemand Kaffee hinstellt.

Dass eine Entschuldigung möglich ist.

Dass ein Konflikt ein Ende haben kann.

Das ist ebenfalls Kindheit.

 


 

Die beste Schutzmaßnahme beginnt ein paar Sekunden früher

Vielleicht kennst Du diesen Moment.

Dein Partner sagt etwas.

Du merkst sofort, wie es in Dir hochgeht.

Der passende Satz liegt bereits bereit.

Du weißt ziemlich genau, wo er treffen wird.

Früher kam er einfach raus.

Jetzt sitzt vielleicht ein Kind drei Meter weiter und malt am Küchentisch.

Da beginnt Training.

Einen Satz stoppen.

Das Gespräch vertagen.

„Wir reden später darüber.“

Kurz rausgehen.

Den alten Reflex für ein paar Minuten auf die Bank setzen.

Dafür muss der Streit noch längst nicht gelöst sein.

Ihr habt nur verhindert, dass er wieder seine übliche Runde durch die Wohnung dreht.

Genau dieser Moment steht auch im Mittelpunkt meines Beitrags „Der Moment vor dem Satz“.

Wenn Streit bei Euch häufig eskaliert, lies auch:

„Kann eine Beziehung trotz ständigem Streit bestehen?“

 


 

Macht aus Eurem Kind keinen Schiedsrichter

Es gibt eine einfache Regel, die viel Ärger erspart:

Was zwischen zwei Erwachsenen geklärt werden muss, bleibt bei den Erwachsenen.

Euer Kind muss nicht wissen, wer angefangen hat.

Es braucht keine Beweise.

Es soll keine Nachrichten überbringen.

Es muss auch keinen von Euch trösten, weil der andere gerade unerträglich ist.

Natürlich darf ein Kind Nähe geben.

Es darf Mama umarmen, wenn sie traurig ist.

Es darf Papa fragen, wie es ihm geht.

Sobald ein Erwachsener diese Nähe braucht, um seine Partnerschaft auszuhalten, verschieben sich die Rollen.

Dann kümmert sich plötzlich der Kleine um den Großen.

Da lohnt sich ein genauer Blick.

 


 

Schuld bringt Euch jetzt wenig

Vielleicht liest Du diesen Text und Dir fallen Szenen ein, die Dir unangenehm sind.

Der Streit letzte Woche.

Der Satz im Auto.

Die Nacht, in der Eure Tochter im Flur stand und gefragt hat, warum Mama weint.

Du kannst Dich dafür stundenlang verurteilen.

Dann ist der Abend vorbei und morgen läuft alles weiter wie bisher.

Interessanter ist eine andere Frage:

Was mache ich beim nächsten Mal früher?

Verantwortung beginnt dort.

Darüber habe ich ausführlicher im Beitrag „Schuld oder Verantwortung in der Beziehung: Der große Unterschied“ geschrieben.

Du brauchst für den nächsten Streit keinen neuen Charakter.

Du brauchst eine andere Reaktion.

Vielleicht nur eine.

Das reicht für den Anfang.

 


 

Drei Dinge, mit denen Ihr heute anfangen könnt

Holt Euer Kind aus Eurem Konflikt heraus.

Keine Botschaften über das Kind. Keine Bündnisse. Keine Bemerkungen über den anderen, bei denen das Kind zustimmen soll.

Repariert sichtbar, was sichtbar kaputtgegangen ist.

Hat Euer Kind den Streit erlebt, darf es auch erleben, dass Ihr Euch wieder beruhigt. Sprecht mit ihm. Gebt ihm Orientierung.

Trainiert den Moment vor der Eskalation.

Wartet nicht darauf, dass einer plötzlich gelassener, klüger oder verständnisvoller wird.

Beobachtet den Punkt, an dem Euer Streit gewöhnlich Fahrt aufnimmt.

Und setzt dort früher an.

Wie der erste Schritt nach einem Streit aussehen kann, findest Du hier:

„Der erste Schritt nach einem Streit“ 


 

Vielleicht müsst Ihr Eure Beziehung gerade gar nicht retten

Dieser Gedanke kann unbequem sein.

Manche Paare finden wieder zusammen.

Andere trennen sich.

Kinder können mit beiden Wegen leben.

Viel schwerer ist häufig die jahrelange Zwischenwelt.

Zusammenbleiben und miteinander kämpfen.

Trennung ankündigen und wieder zurücknehmen.

Den Partner vor den Kindern abwerten.

Kinder fragen lassen, ob Papa morgen noch da ist.

Eine Trennung macht Eltern nicht automatisch zu schlechten Eltern.

Zusammenbleiben macht aus einer Familie ebenfalls keine sichere Familie.

Die Frage lautet:

Wie geht Ihr miteinander um, während Ihr herausfindet, wie es weitergeht?

Da liegt Euer Einfluss.

Heute.

Nicht erst, wenn alle großen Fragen beantwortet sind.

 


 

Für Euch sind es vielleicht ein paar schwere Jahre

Für ein Kind sind drei Jahre lang.

Mit acht Jahren erst recht.

Darum lohnt es sich, früher hinzusehen.

Kein Kind braucht Eltern, die nie streiten.

Es braucht Erwachsene, die Verantwortung für ihren Streit übernehmen.

Erwachsene, die bemerken, wann etwas kippt.

Die sich bremsen können.

Die zurückkommen.

Die reparieren.

Die ihre Kinder aus dem Ring holen.

Vielleicht erinnert sich Euer Kind später trotzdem daran, dass es bei Euch schwierige Zeiten gab.

Das lässt sich nicht verhindern.

Vielleicht erinnert es sich aber auch an etwas anderes:

Mama und Papa hatten Probleme.

Sie haben mich damit nicht allein gelassen.

Sie haben sich darum gekümmert.

Und ich musste sie nicht retten.

Meine Eltern hatten Probleme.

Aber ich war nie ihr Problem.

 


 

Wenn Ihr merkt, dass es bei Euch längst mehr als ein paar schlechte Abende sind

Manchmal ist schwer einzuschätzen, wie weit sich eine Beziehung bereits festgefahren hat.

Ihr steckt mittendrin.

Jeder kennt seine Version.

Jeder kennt die Fehler des anderen.

Und inzwischen bekommen die Kinder mehr davon mit, als Euch lieb ist.

In einen ersten kostenlosen Gespräch schauen wir gemeinsam auf Eure aktuelle Situation.

Was passiert bei Euch?

Wo kippt es?

Was erleben Eure Kinder davon?

Und welcher nächste Schritt ist jetzt sinnvoll?

30 Minuten. Ohne großes Programm im Vorfeld.

Erst einmal herausfinden, wo Ihr tatsächlich steht.

Zum Erstgespräch


ÜBER DEN AUTOR

Autor

Ole Böseke

Ole arbeitet mit Paaren an den Momenten, in denen Gespräche kippen. Kooperation versteht er als Entscheidung im richtigen Moment. Seine Arbeit verbindet Beziehung mit Training: beobachten, üben und im Alltag früher anders reagieren.

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