Der erste Schritt nach einem Streit

Der Streit ist vorbei. Die Spannung bleibt.

Die Tür ist wieder offen.

Die Stimmen sind leiser geworden.

Einer räumt in der Küche herum. Der andere sitzt auf dem Sofa und schaut aufs Handy.

Eigentlich ist der Streit vorbei.

Trotzdem weiß keiner, wie es weitergeht.

Solltest Du etwas sagen?

Warten, bis der andere kommt?

So tun, als wäre alles wieder normal?

Genau an dieser Stelle beginnt oft schon der nächste Streit.

Der erste Schritt nach einem Streit ist deshalb weder eine große Aussprache noch eine perfekte Entschuldigung.

Es ist ein kleiner Satz, der wieder Kontakt möglich macht.

„Ich möchte gerade aus dem Streit raus. Können wir später ruhig darüber sprechen?“

Dieser Satz löst das Problem selten ganz.

Er verändert jedoch die Richtung.

Warum Versöhnung nach einem Streit so schwerfällt

Nach einem Streit arbeiten zwei Kräfte gegeneinander.

Du möchtest wieder Nähe.

Gleichzeitig willst Du Dich vor der nächsten Verletzung schützen.

Darum wartest Du vielleicht.

Der andere soll zuerst kommen.

Er soll zeigen, dass ihm etwas an Dir liegt.

Er soll einsehen, was sein Anteil war.

Auf der anderen Seite sitzt oft ein Mensch mit fast denselben Gedanken.

So warten zwei Menschen aufeinander und erleben das Schweigen des anderen als Beweis:

Dem ist unsere Beziehung offenbar egal.

Dabei ist häufig beiden etwas wichtig.

Jeder will nur vermeiden, wieder als Verlierer aus dem Gespräch zu gehen.

Der erste Schritt ist keine Kapitulation

Viele Menschen verwechseln den ersten Schritt mit einem Schuldeingeständnis.

Wer zuerst auf den anderen zugeht, hat nach dieser Logik verloren.

Doch eine Beziehung ist kein Gerichtsverfahren.

Du musst Deine Sicht kaum zurücknehmen, um wieder ansprechbar zu werden.

Du kannst weiterhin verletzt sein und trotzdem sagen:

„So möchte ich heute nicht mit Dir auseinandergehen.“

Damit erklärst Du weder Deinen Partner für unschuldig noch Dich selbst für schuldig.

Du übernimmst Verantwortung für den nächsten Moment.

Mehr über diesen Unterschied liest Du im Beitrag „Schuld oder Verantwortung in der Beziehung: Der große Unterschied“.

Warte mit der Ursachenforschung

Direkt nach einem Streit wollen viele Paare alles klären.

Was war der eigentliche Auslöser?

Wer hat angefangen?

Warum passiert das immer wieder?

Diese Fragen wirken vernünftig.

In einem aufgewühlten Zustand führen sie oft zurück in dieselbe Runde.

Ein Wort reicht.

Ein Tonfall kippt.

Schon steht wieder die ganze Beweisführung auf dem Tisch.

Der erste Schritt braucht deshalb eine kleinere Aufgabe.

Stellt zuerst wieder her, dass Ihr miteinander sprechen könnt.

Die Ursachen dürfen später folgen.

Ein möglicher Satz lautet:

„Ich bin noch aufgewühlt. Mir ist wichtig, dass wir heute wieder miteinander sprechen.“

Das ist wenig spektakulär.

Genau deshalb funktioniert es eher als die nächste große Grundsatzrede.

Eine Entschuldigung braucht keinen Vortrag

Manchmal weißt Du bereits, dass Dein eigener Satz danebenlag.

Dann sag es.

Kurz.

Klar.

Ohne Erklärungskette.

Zum Beispiel:

„Der Satz eben war unfair. Dafür entschuldige ich mich.“

Danach machst Du einen Punkt.

Ein angehängtes „aber“ zieht die Entschuldigung sofort wieder zurück.

Auch ein langer Vortrag über Deinen Stress hilft in diesem Moment kaum.

Die Erklärung kann später kommen.

Zuerst braucht der andere die Erfahrung, dass Du Deinen Spielzug gesehen hast.

Entschuldige Dich für Deinen Anteil

Vielleicht war Dein Partner ebenfalls verletzend.

Das ändert wenig an Deinem eigenen Anteil.

Du musst also keine Gesamtbewertung des Streits abgeben.

Es reicht, Deinen Teil sauber zu benennen.

Zum Beispiel:

„Ich hätte Dich ausreden lassen sollen.“

Oder:

„Ich habe absichtlich einen alten Fehler hervorgeholt. Das war unfair.“

Damit öffnest Du einen Kontakt.

Du kaufst Dir damit keine Entschuldigung des anderen.

Falls Dein Partner sofort mit einem Gegenangriff antwortet, kannst Du ruhig bleiben:

„Über Deinen Anteil möchte ich auch sprechen. Gerade übernehme ich erst meinen.“

Das ist Kooperation.

Du setzt Deinen Ball sauber, ohne das ganze Spiel allein übernehmen zu wollen.

Was Du direkt nach dem Streit besser lässt

Einige Reaktionen verlängern den Streit, obwohl kaum noch gesprochen wird.

Dazu gehört das demonstrative Schweigen.

Auch ironische Bemerkungen halten die Tür offen.

Besonders wirksam ist der scheinbar harmlose Satz:

„Ist schon gut.“

Meistens ist es eben noch kaum gut.

Sag lieber:

„Ich brauche gerade zwanzig Minuten. Danach komme ich zu Dir.“

Damit bekommt die Pause einen Rahmen.

Der andere weiß, dass Du zurückkommst.

Aus Rückzug wird eine vereinbarte Unterbrechung.

Wie schnell eine Reaktion den weiteren Verlauf bestimmt, beschreibe ich im Beitrag Der Moment vor dem Satz“.

Eine Pause braucht eine Rückkehr

„Ich brauche Ruhe“ ist verständlich.

Ohne eine Rückkehrzeit wirkt dieser Satz schnell wie Ablehnung.

Nenne deshalb einen konkreten Zeitpunkt.

Zum Beispiel:

„Ich gehe eine halbe Stunde spazieren. Um acht setzen wir uns noch einmal zusammen.“

Halte Dich anschließend an diese Vereinbarung.

Die Rückkehr ist wichtiger als die genaue Dauer.

So lernt der andere:

Eine Pause bedeutet bei uns Abstand auf Zeit.

Sie bedeutet kein Verschwinden.

Falls Du nach der Pause merkst, dass Ihr beide weiterhin aufgewühlt seid, vereinbart einen neuen Zeitpunkt.

Wichtig ist, dass das Gespräch einen festen Platz bekommt.

Beginnt das Gespräch kleiner

Nach der Pause braucht Ihr noch immer keine vollständige Lösung.

Beginnt mit dem Moment, an dem der Streit gekippt ist.

Frage Dich:

Welcher Satz hat aus dem Thema einen Kampf gemacht?

Vielleicht ging es anfangs um den Einkauf.

Später ging es um mangelnde Wertschätzung.

Am Ende stand Eure ganze Beziehung infrage.

Geht zurück an die erste Kurve.

Dort lässt sich mehr verändern als am dramatischen Ende.

Ein guter Einstieg lautet:

„Ich glaube, bei uns ist es an der Stelle gekippt, als ich gesagt habe …“

Jetzt besprecht Ihr einen beobachtbaren Moment.

Das ist leichter als die Frage, wer von Euch grundsätzlich schwierig ist.

Der erste Schritt muss klein genug sein

Nach einem heftigen Streit erwarten Menschen oft eine große Geste.

Eine lange Entschuldigung.

Ein tiefes Gespräch bis Mitternacht.

Die endgültige Lösung des Problems.

So viel Gewicht hält der erste Schritt selten aus.

Er darf kleiner sein.

Eine Tasse Tee.

Ein ehrlicher Satz.

Eine klare Rückkehr nach der Pause.

Der erste Schritt soll den Weg öffnen.

Die ganze Strecke kommt später.

Was geschieht, wenn nur einer auf den anderen zugeht?

Vielleicht bist fast immer Du die Person, die wieder Kontakt herstellt.

Dann lohnt sich ein genauer Blick.

Ein erster Schritt darf keine dauerhafte Einbahnstraße werden.

Du kannst einmal auf den anderen zugehen.

Du kannst auch zeigen, wie eine faire Rückkehr aussieht.

Auf Dauer braucht es Bewegung von beiden Seiten.

Sprich das außerhalb des Streits an:

„Mir fällt auf, dass ich nach einem Streit fast immer den Kontakt wiederherstelle. Ich wünsche mir, dass Du künftig ebenfalls einen Schritt auf mich zumachst.“

Beobachte anschließend, was geschieht.

Versprechen sind freundlich.

Verhalten liefert die bessere Auskunft.

Wie Kooperation im Alltag trainiert werden kann, liest Du im Beitrag Kooperation in der Beziehung: Warum das keine Charakterfrage ist“.

Wenn derselbe Streit immer wiederkommt

Vielleicht funktioniert die Versöhnung inzwischen ganz gut.

Ihr umarmt Euch.

Ihr entschuldigt Euch.

Zwei Tage später beginnt dieselbe Runde erneut.

Dann reicht der erste Schritt nach dem Streit kaum aus.

Ihr müsst früher ansetzen.

An dem Blick, der schon alles zu wissen glaubt.

An dem Ton, der sofort Alarm auslöst.

An den wenigen Sekunden, in denen aus einem Thema wieder Euer bekanntes Muster wird.

Im Beitrag „Kann eine Beziehung trotz ständigem Streit bestehen?“

erfährst Du, weshalb der sichtbare Anlass oft nur der Startknopf ist.

Ein einfacher Ablauf nach dem nächsten Streit

Wenn Ihr nach dem nächsten Streit wieder ratlos im selben Raum sitzt, probiere diesen Ablauf:

1. Unterbrich den Kampf

Sage:

„Ich möchte gerade aus dem Streit raus.“

2. Benenne Deinen Anteil

Sage:

„Mein Satz eben war unfair.“

3. Vereinbare die Rückkehr

Sage:

„Ich brauche zwanzig Minuten. Danach komme ich wieder.“

4. Beginnt an der ersten Kurve

Sage:

„Für mich ist es an dieser Stelle gekippt.“

Mehr braucht der erste Versuch kaum.

Ihr müsst heute noch keine Beziehungsexperten werden.

Ihr trainiert erst einmal einen besseren Ausgang.

Der erste Schritt beginnt bei Deiner Reaktion

Du kannst Deinen Partner kaum dazu zwingen, nach einem Streit fair auf Dich zuzugehen.

Du kannst jedoch verändern, welchen Spielzug Du selbst als Nächstes setzt.

Genau darum geht es im 7-Tage-Training „Ab jetzt nicht mehr so“.

Sieben Tage lang prüfst Du Deine Reaktionen und setzt an den Stellen neu an, an denen Du bisher gewartet, gedrängt oder Dich zurückgezogen hast.

Du bekommst jeden Tag einen konkreten Impuls, den Du direkt in Deinem Alltag anwenden kannst.

Hier findest Du das 7-Tage-Training „Ab jetzt nicht mehr so“


ÜBER DEN AUTOR

Autor

Ole Böseke

Ole arbeitet mit Paaren an den Momenten, in denen Gespräche kippen. Kooperation versteht er als Entscheidung im richtigen Moment. Seine Arbeit verbindet Beziehung mit Training: beobachten, üben und im Alltag früher anders reagieren.

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