Ich verbringe viel Zeit mit Hunden.
Mit geliehenen Hunden, fremden Hunden und Hunden, die innerhalb weniger Stunden entscheiden, dass mein Platz auf dem Sofa ab jetzt ihrer ist.
Dabei begegnen mir immer wieder Tiere, die etwas mitbringen.
Ein Hund erschrickt, sobald eine Hand zu schnell nach unten geht.
Ein anderer verteidigt seinen Napf.
Der nächste bellt beim kleinsten Geräusch, als müsse er Haus und Hof im Alleingang retten.
Wer einen Hund aus dem Tierheim aufnimmt, denkt meist zuerst:
Was hat er erlebt?
Man beobachtet ihn.
Man lernt seine Eigenarten kennen.
Man findet heraus, was ihn unruhig macht und was ihm hilft.
Sein Verhalten muss deshalb noch lange nicht im ganzen Haus gelten. Ein Hund darf lernen, dass der Paketbote kein Eindringling ist und der Nachbar weiterhin das Recht hat, seine Mülltonne zu bewegen.
Trotzdem beginnt das Zusammenleben selten mit Beschimpfungen.
Bei uns selbst sieht das oft anders aus.
Nach einem Streit sitzt Sabine allein in der Küche.
Thomas ist ins Wohnzimmer gegangen.
In ihrem Kopf läuft das Gespräch weiter.
Sie hört den Satz, den sie zu ihm gesagt hat.
Sie hört auch den Ton.
Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, diesmal ruhiger zu bleiben.
Dann schaute Thomas auf sein Handy, während sie sprach.
Etwas in ihr sprang an.
Wenige Sekunden später sagte sie:
„Du interessierst Dich doch überhaupt nicht dafür, was mit mir ist.“
Thomas verteidigte sich.
Sabine wurde lauter.
Am Ende saßen beide in verschiedenen Zimmern.
Jetzt ärgert sie sich über ihn und über sich selbst.
„Warum reagiere ich immer so?“
„Warum kann ich mich nicht einmal beherrschen?“
„Was stimmt eigentlich mit mir nicht?“
Diese Sätze sollen Ordnung schaffen.
Meist richten sie nur weiteren Schaden an.
Sabine versteht ihre Reaktion dadurch keinen Millimeter besser. Sie fühlt sich lediglich noch kleiner als vorher.
Wir sprechen gern vom inneren Schweinehund.
Er muss besiegt werden.
Man muss stärker sein als er.
Man muss ihn endlich in den Griff bekommen.
Das klingt entschlossen.
Es hat nur einen kleinen Schönheitsfehler:
Dieser Gegner lebt im eigenen Haus.
Er sitzt beim Frühstück dabei.
Er fährt mit zur Arbeit.
Abends liegt er im Bett und erinnert sich an Dinge, die längst Feierabend haben.
Ein ständiger Kampf gegen den eigenen Kopf kostet Kraft. Außerdem bleibt dabei eine wichtige Frage liegen:
Was versucht dieser Teil von mir eigentlich zu erreichen?
Oft lautet die Antwort:
Er will schützen.
Vor Zurückweisung.
Vor Blamage.
Vor einer alten Enttäuschung, die sich heute noch einmal wiederholen könnte.
Die Absicht kann verständlich sein.
Die Reaktion passt trotzdem oft nicht mehr zur aktuellen Lage.
Ich stellte mir meinen Kopf irgendwann als Hund vor.
Keinen Kalenderhund mit glänzendem Fell und tadellosen Manieren.
Eher einen Mischling aus dem Tierheim.
Ein Ohr hängt ein wenig.
Der Blick ist wach.
Er hat einiges erlebt und daraus Regeln gebaut.
Bei Schweigen wird er nervös.
Bei einem bestimmten Ton hebt er sofort den Kopf.
Eine knappe Nachricht reicht manchmal, und er läuft innerlich schon am Zaun entlang.
Dieser Hund brauchte einen Namen.
Ich nannte ihn Rüdiger.
Rüdiger ist weder böse noch dumm.
Er ist nur sehr überzeugt von seiner Aufgabe.
Er will früh warnen.
Leider warnt er manchmal auch vor einem Müllsack im Wind.
Genau so arbeitet unser Kopf.
Ein Partner antwortet kurz.
Rüdiger hört Ablehnung.
Eine Nachricht bleibt unbeantwortet.
Rüdiger vermutet Gefahr.
Thomas schaut während des Gesprächs auf sein Handy.
Sabines Rüdiger sagt:
„Du bist ihm egal.“
Aus einem kurzen Blick wird innerhalb weniger Sekunden eine ganze Geschichte.
Solange Sabine denkt:
„Ich bin eben so“
fühlt sich ihre Reaktion wie ein fester Teil ihrer Persönlichkeit an.
Sie ist dann die Angst.
Sie ist der Vorwurf.
Sie ist der Satz, der den Abend kippen lässt.
Mit Rüdiger entsteht ein kleiner Abstand.
Sabine kann merken:
Da meldet sich gerade etwas in mir.
Das gehört zu ihr.
Es bestimmt trotzdem nicht automatisch ihren nächsten Schritt.
Ein Name macht aus dem inneren Alarm eine Figur.
Rüdiger hat etwas gewittert.
Rüdiger ist aufgestanden.
Rüdiger hält den müden Blick von Thomas gerade für eine Beziehungskrise.
Das klingt weniger amtlich als:
„So ist es.“
Und genau das hilft.
Ein Gedanke darf auftauchen, ohne sofort zum Urteil über die ganze Beziehung zu werden.
Rüdiger erklärt eine Reaktion.
Er entschuldigt sie nicht.
Sabine kann nach einem verletzenden Satz schlecht sagen:
„Das war Rüdiger. Mit mir hatte das nichts zu tun.“
Natürlich hatte es mit ihr zu tun.
Rüdiger gehört zu ihr.
Seine alten Erfahrungen sprechen durch ihren Mund, sobald sie ihm die Führung überlässt.
Die Verantwortung bleibt bei Sabine.
Der Unterschied liegt darin, wie sie mit sich umgeht.
Sie kann sich nach jedem Streit beschimpfen.
Oder sie lernt genauer hinzusehen.
Wann steht Rüdiger auf?
Welche Situationen kennt er besonders gut?
An welcher Stelle übernimmt er?
Aus diesen Fragen kann Training entstehen.
Aus Selbstverachtung entsteht meist nur die nächste Runde Selbstverachtung.
Wer bei Schweigen sofort unruhig wird, hat oft gelernt, dass Schweigen etwas ankündigt.
Wer ständig nachfragt, hat vielleicht erlebt, wie schnell Sicherheit verschwinden kann.
Wer bei Kritik dichtmacht, kennt das Gefühl, ohnehin alles falsch zu machen.
Der heutige Partner löst dann etwas aus, das älter ist als der aktuelle Moment.
Rüdiger erkennt einen Geruch.
Und plötzlich verhält sich der Kopf, als wäre die alte Situation wieder da.
Dabei sitzt heute ein anderer Mensch am Tisch.
Der Raum ist ein anderer.
Auch Sabine ist heute nicht mehr dieselbe Frau wie damals.
Nur Rüdiger arbeitet noch mit seinem alten Lageplan.
Sabine sagt:
„Du hörst mir nie zu.“
Thomas hört:
„Du versagst schon wieder.“
Er zieht sich zurück.
Sabine erlebt seinen Rückzug als Bestätigung.
Also wird sie deutlicher.
Thomas macht weiter zu.
Beide reagieren auf das, was ihr eigener Kopf aus der Situation macht.
Später streiten sie darüber, wer angefangen hat.
Dabei begann der Ablauf oft einen Moment früher.
Bei einem Blick.
Bei einem Ton.
Bei einer schnellen inneren Deutung.
Genau dort setzt die Idee von Rüdiger an.
Der erste Impuls kommt schnell.
Der nächste Schritt bleibt trotzdem trainierbar.
Ich wollte ein Bild finden, das im Alltag hängen bleibt.
Einen Gedanken, der auch dann noch auftaucht, wenn der Geschirrspüler piept, das Handy vibriert und der Partner genau den Satz sagt, auf den der eigene Kopf seit Jahren wartet.
Rüdiger klingt nicht nach Seminarraum.
Das ist Absicht.
Bei einem komplizierten Fachbegriff denkt am Esstisch niemand:
„Aha, jetzt zeigt sich mein eingeübtes Schutzmuster.“
Bei Rüdiger klappt das eher.
„Da bist Du ja.“
Dieser Satz enthält bereits etwas Neues.
Der Kopf wird gesehen.
Der Alarm bekommt Aufmerksamkeit.
Und trotzdem bleibt offen, wer jetzt führt.
Das E-Book ist aus genau dieser Idee entstanden. Der eigene Kopf braucht weder einen Krieg noch freie Hand. Er braucht jemanden, der ihn kennt und im passenden Moment die Richtung übernimmt.
Vielleicht heißt Deiner anders.
Vielleicht führt er Listen über alte Enttäuschungen.
Vielleicht hält er jeden müden Blick für ein Zeichen.
Oder er weiß schon vor dem ersten Versuch, weshalb etwas scheitern muss.
Entscheidend ist der Moment, in dem Du ihn erkennst.
Dann bist Du Deinem ersten Impuls nicht mehr vollständig ausgeliefert.
Du bemerkst den Zug.
Du siehst die alte Spur.
Und Du bekommst die Chance, heute anders weiterzugehen.
Im kostenlosen E-Book „Nenn ihn Rüdiger“ erzähle ich Dir die ganze Geschichte hinter diesem Tierheimhund.
Du erfährst, weshalb Dein Kopf manchmal so früh Alarm schlägt und warum ein Name mehr verändern kann als der nächste gute Vorsatz.
Mit Humor, Alltagsszenen und einem neuen Blick auf die Reaktionen, für die Du Dich bisher vielleicht verurteilt hast.
ÜBER DEN AUTOR

Ole Böseke
Ole arbeitet mit Paaren an den Momenten, in denen Gespräche kippen. Kooperation versteht er als Entscheidung im richtigen Moment. Seine Arbeit verbindet Beziehung mit Training: beobachten, üben und im Alltag früher anders reagieren.