Paarkitt Blog: Beziehung als Training

Über Streit, Rückzug, Nähe und die Frage, wie Kooperation im Alltag trainierbar wird.

Baut den Soundtrack Eurer Beziehung

Es gibt Lieder, bei denen drei Sekunden reichen.

Plötzlich bist Du wieder 27.

Du sitzt in diesem alten Auto, dessen Heizung nur zwei Einstellungen kannte: sibirischer Winter oder finnische Sauna.

Neben Dir sitzt derselbe Mensch wie heute.

Nur mit anderen Haaren.

Vielleicht auch mit mehr Haaren.

Ihr fahrt irgendwohin.

Du weißt wieder, wie das Auto roch. Welche Jacke Du anhattest. An welcher Tankstelle Ihr nachts Kaffee getrunken habt.

Alles wegen eines Liedes.

Dann endet der Song.

Und Du sitzt wieder in Deiner Küche.

  1.  

Schon erstaunlich, was vier Minuten Musik anrichten können.

Darum machen wir heute etwas sehr Einfaches:

Baut den Soundtrack Eurer Beziehung.

Zehn Lieder reichen.

Fünf von Dir. Fünf vom Partner.

Jeder sucht fünf Songs aus.

Mehr Regeln braucht es vorerst gar nicht.

Die Lieder müssen auch keine Liebeslieder sein.

Bloß nicht.

Vielleicht gehört zu Eurer Beziehung ein Song von AC/DC.

Oder Modern Talking.

Das klären wir heute nicht musikalisch.

Vielleicht lief ein bestimmtes Lied während Eures ersten gemeinsamen Urlaubs ständig im Radio.

Vielleicht habt Ihr dazu auf einer Hochzeit getanzt.

Vielleicht standet Ihr nachts um zwei in einer Küche, habt Wein getrunken und dieses Lied lief.

Vielleicht verbindet einer von Euch einen Song mit einer Szene, an die der andere überhaupt nicht mehr denkt.

Genau das macht die Sache interessant.

„Echt? Das verbindest Du mit uns?“

Dieser Satz dürfte an dem Abend öfter fallen.

Denn Ihr habt zwar dieselbe Beziehung erlebt.

Ihr erinnert Euch trotzdem an verschiedene Dinge.

Du wählst vielleicht das Lied von Eurer Hochzeit.

Dein Partner nimmt den Song, der auf der Autofahrt nach Italien lief, als Ihr Euch zwei Stunden über die falsche Autobahnausfahrt gestritten habt.

Auch das gehört dazu.

Beziehung besteht schließlich aus mehr als Kerzenlicht und Sonnenuntergängen.

Da war der Urlaub mit Dauerregen.

Der Umzug.

Die winzige erste Wohnung.

Das Fest, auf dem einer viel zu viel getrunken hat.

Die Fahrt ins Krankenhaus.

Der Sommer, in dem Ihr kaum Geld hattet.

Der Abend, an dem Ihr Euch über etwas kaputtgelacht habt, das heute keiner mehr erklären könnte.

Manche Lieder kleben an solchen Szenen.

Jahrelang.

Fangt weit vorne an

Wenn Ihr lange zusammen seid, habt Ihr reichlich Auswahl.

Also fangt nicht gestern an.

Geht zurück.

Welches Lied lief ungefähr in der Zeit, als Ihr Euch kennengelernt habt?

Gab es Musik, die Ihr damals oft gehört habt?

Eine CD im Auto?

Eine Kassette?

Wer jetzt unter 40 ist, darf kurz nachschlagen, was das war.

Vielleicht gab es eine Kneipe, in der immer dieselben Lieder liefen.

Eine Disco.

Ein Konzert.

Eine Platte, die einer ständig aufgelegt hat.

Sucht keine historisch korrekte Chronik.

Ihr baut kein Archiv.

Nehmt das Lied, bei dem sofort eine Szene auftaucht.

Das reicht.

Die schlechten Lieder dürfen bleiben

Jetzt kommt eine wichtige Regel.

Niemand darf die Auswahl des anderen korrigieren.

Auch dann nicht, wenn Dein Partner mit leuchtenden Augen einen Song auswählt, bei dem Du heute freiwillig den Raum verlassen möchtest.

Geschmack ist an diesem Abend nebensächlich.

Der Song hat offenbar irgendwo in Eurer Geschichte überlebt.

Das ist sein Eintrittsticket.

Vielleicht sagst Du:

„Das Lied fand ich damals schon furchtbar.“

Und Dein Partner antwortet:

„Ja. Du hast es trotzdem jedes Mal mitgesungen.“

Erwischt.

Hört die Lieder wirklich an

Keine Liste schreiben und abhaken.

Setzt Euch hin.

Getränk dazu.

Handys weg, abgesehen von dem Gerät, das die Musik liefert.

Dann läuft das erste Lied.

Ganz.

Danach erzählt derjenige, der es ausgesucht hat:

„Welche Szene mit uns hängt für Dich daran?“

Mehr braucht Ihr als Frage nicht.

Vielleicht dauert die Antwort zehn Sekunden.

Vielleicht erzählt einer plötzlich fünf Minuten.

Vielleicht sagt einer:

„Weißt Du das echt nicht mehr?“

Und schon seid Ihr mitten in einer Geschichte, die seit Jahren keiner erzählt hat.

Erinnerungen brauchen manchmal einen kleinen Schubs

Viele Paare glauben irgendwann, sie hätten sich längst alles erzählt.

Nach zwanzig oder dreißig Jahren kennt man die Geschichten.

Denkt man.

Dann läuft irgendein Lied aus dem Jahr 2003.

Und plötzlich sagt einer:

„Weißt Du eigentlich noch, wie wir damals nach dem Konzert im Auto geschlafen haben?“

Ach ja.

Stimmt.

Da war etwas.

Solche Momente gefallen mir an dieser Idee.

Ihr müsst keine neue Geschichte produzieren.

Manchmal liegt eine alte seit Jahren irgendwo herum und braucht nur die richtige Musik.

Manche Lieder treffen stärker als erwartet

Es kann auch ein Song auftauchen, bei dem einer stiller wird.

Weil daran eine schwierige Zeit hängt.

Ein Abschied.

Eine Krise.

Ein Mensch, der fehlt.

Eine Phase, durch die Ihr gemeinsam gegangen seid.

Dann lasst das Lied laufen.

Ihr müsst daraus kein großes Gespräch machen.

Manchmal reicht:

„Ja. Das war eine beschissene Zeit.“

Und vielleicht eine Hand auf dem Arm.

Mehr muss daraus an diesem Abend gar nicht entstehen.

Dann gibt es diese völlig albernen Erinnerungen

Die gehören unbedingt hinein.

Das Lied, zu dem einer immer eine lächerliche Bewegung gemacht hat.

Der Song, den Ihr im Urlaub so oft gehört habt, bis Ihr ihn beide gehasst habt.

Das Stück, bei dem einer grundsätzlich den Text falsch singt.

Seit 18 Jahren.

Trotz mehrfacher Hinweise.

Manche gemeinsame Erinnerungen haben keinerlei Gewicht.

Zum Glück.

Eine Beziehung braucht auch Geschichten, deren einziger Nutzen darin besteht, dass beide lachen.

Baut am Ende eine Playlist daraus

Wenn Ihr alle zehn Songs gehört habt, legt eine gemeinsame Playlist an.

Nennt sie ruhig:

Unser Soundtrack

Oder:

Wir zwei

Oder völlig anders.

Vielleicht bekommt sie einen Namen, den außer Euch niemand versteht.

Noch besser.

Die Playlist bleibt.

Beim Autofahren.

Beim Kochen.

Auf einer Reise.

Oder an irgendeinem Dienstagabend, an dem einer plötzlich sagt:

„Mach mal unsere Liste an.“

Dann läuft nach zwei Songs möglicherweise wieder irgendeine Geschichte los.

Ihr könnt das jedes Jahr weitermachen

Der Soundtrack muss nie fertig sein.

Vielleicht kommen jedes Jahr zwei oder drei Songs dazu.

Ein Lied von einer Reise.

Eines aus einem großartigen Sommer.

Eines aus einer völlig misslungenen Silvesternacht.

Eines, das Ihr zufällig gemeinsam entdeckt habt.

So wächst die Liste mit Euch.

Und irgendwann enthält sie keine zehn Songs mehr.

Vielleicht 30.

Vielleicht 70.

Dann habt Ihr irgendwann das Luxusproblem, dass eine Autofahrt nach Hamburg zu kurz für Eure Beziehung ist.

Bitte macht auch daraus kein Beziehungsprojekt

Ihr kennt meine Regel inzwischen.

Kein Auswertungsbogen.

Keine Abschlussfrage:

„Was hast Du heute über unsere gemeinsame Geschichte gelernt?“

Bitte nicht.

Vielleicht habt Ihr zwei Stunden Musik gehört.

Gelacht.

Ein paar alte Geschichten ausgegraben.

Bei einem Song still dagesessen.

Das reicht.

Der Spaß braucht keinen therapeutischen Auftrag.

Auch Erinnerung braucht keinen.

Falls Ihr merkt, dass Euch gemeinsame Geschichten fehlen

Dann ist das ebenfalls interessant.

Vielleicht besteht Eure gemeinsame Playlist fast vollständig aus Liedern von früher.

Aus den ersten Jahren.

Und für die letzten zehn Jahre fällt Euch erstaunlich wenig ein.

Das ist keine Diagnose.

Es ist eine Einladung.

Macht wieder Sachen, an denen etwas hängen bleiben kann.

Genau darum ging es im ersten Beitrag dieser Kategorie:
„Wann habt Ihr zuletzt zusammen etwas zum ersten Mal gemacht?“.

Oder nehmt Euch einen Tag, an dem Ihr Euch Euer Programm selbst baut:
Ein Tag voller Spaß. Budget: null Euro.“.

Neue Erinnerungen entstehen selten durch den Vorsatz:

„Wir brauchen mehr gemeinsame Erinnerungen.“

Sie entstehen, weil zwei Menschen etwas machen.

Also: Welches Lied kommt zuerst?

Mach es heute Abend.

Jeder fünf Songs.

Einer fängt an.

Drück auf Play.

Und dann erzähl:

„Bei diesem Lied sehe ich uns sofort wieder …“

Mehr braucht es nicht.

Vielleicht sitzt Ihr zehn Minuten später wieder in diesem alten Auto.

Mit der kaputten Heizung.

Den unmöglichen Frisuren.

Und einer Zukunft, von der Ihr damals noch keine Ahnung hattet.

Nur diesmal wisst Ihr, wie die Geschichte weiterging.


ÜBER DEN AUTOR

Autor

Ole Böseke

Ole arbeitet mit Paaren an den Momenten, in denen Gespräche kippen. Kooperation versteht er als Entscheidung im richtigen Moment. Seine Arbeit verbindet Beziehung mit Training: beobachten, üben und im Alltag früher anders reagieren.

© FunnelCockpit

Blog erstellt mit FunnelCockpit