Paarkitt Blog: Beziehung als Training

Über Streit, Rückzug, Nähe und die Frage, wie Kooperation im Alltag trainierbar wird.

Wenn ihr immer gleich reagiert, werdet ihr darin immer besser.

Du trainierst längst. Die Frage ist nur: Was?

Es ist Samstagvormittag.

Ihr wollt um elf los.

Du hast die Adresse rausgesucht, das Geschenk besorgt, die Karte geschrieben und gestern noch gefragt, wann ihr fahren wollt.

10:47 Uhr.

Er steht im Bad und ruft:

„Wo ist eigentlich das Geschenk?“

Du antwortest:

„Da, wo ich es gestern hingelegt habe.“

Ein Satz mit acht Wörtern.

Sieben davon sind harmlos.

Das achte trägt bereits einen kleinen Flammenwerfer.

Er kommt aus dem Bad.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“

Und Du denkst: Nichts. Alles. Seit Jahren. Such Dir was aus.

Herzlich willkommen beim Beziehungstraining.

Du hast Dich dafür nie angemeldet.

Trainiert wird trotzdem.


Ihr seid wahrscheinlich längst ziemlich gut darin

Das Interessante an langen Beziehungen ist: Man kennt sich.

Das Problem an langen Beziehungen ist gelegentlich ebenfalls: Man kennt sich.

Du weißt, wie er „Ist doch gut“ sagt, wenn überhaupt nichts gut ist.

Du erkennst an der Art, wie er die Kühlschranktür schließt, ob ein Gespräch heute noch Chancen hat.

Und er hört an Deinem „Mach ruhig“, dass er auf gar keinen Fall einfach ruhig machen sollte.

Dafür braucht ihr keine Worte mehr.

Fortgeschrittenenkurs.

Solche Abläufe entstehen durch Wiederholung.

Ein Beispiel:

Du erinnerst ihn an etwas.

Er sagt: „Ich weiß.“

Du weißt, dass er es vergessen hat.

Also erinnerst Du ihn später noch einmal.

Er ist genervt, weil Du ihn ständig erinnerst.

Du bist genervt, weil Du ihn erinnern musst.

Am Ende habt ihr beide reichlich Material dafür, warum der andere schwierig ist.

Und morgen geht das Training weiter.


Genau das ist der Punkt: Du trainierst immer etwas

Beim Wort Beziehungstraining denken viele an zusätzliche Arbeit.

Abends noch eine Übung.

Ein Gespräch nach Plan.

Zwei Menschen sitzen sich gegenüber und sagen Sätze, die im echten Leben kein Mensch freiwillig sagt.

Kann man machen.

Mich interessiert etwas anderes.

Du trainierst sowieso. Jeden Tag.

Wenn Du bei einem bestimmten Ton sofort gereizt antwortest, übst Du diese Antwort.

Wenn Du zum fünften Mal sagst „Ist schon gut“, obwohl gar nichts gut ist, übst Du das.

Wenn Du Dinge irgendwann selbst erledigst, weil Dir das Erinnern zu blöd geworden ist, übst Du ebenfalls etwas.

Du wirst schneller.

Er auch.

Das Ganze bekommt Routine.

Ein Paar kann auf diese Weise erstaunliche Fähigkeiten entwickeln.

Eine Frau braucht irgendwann nur noch die Augenbraue zu heben.

Der Mann weiß sofort: Gefahr.

Er sagt vorsichtshalber:

„Ich hab doch gar nichts gemacht.“

Sie hatte noch gar nichts gesagt.

Jetzt hat sie allerdings einen Anlass.

So bekommt man auch einen Abend herum.


Wiederholung fragt nicht, ob Dir das Ergebnis gefällt

Das ist die unangenehme Stelle.

Dein Kopf sortiert Reaktionen nicht vorher in „gut für meine Beziehung“ und „eher mittelprächtige Idee“.

Er merkt sich, was häufig passiert.

Was oft benutzt wird, liegt beim nächsten Mal schneller bereit.

Du kennst das aus anderen Bereichen.

Wer jeden Morgen denselben Weg zur Arbeit fährt, biegt irgendwann fast automatisch ab.

Wer beim Tennis den Ball seit Jahren zu spät trifft, bekommt diesen Fehler ziemlich zuverlässig reproduziert.

Und wer bei Kritik seit Jahren sofort erklärt, warum der andere übertreibt, hat darin ebenfalls Übung.

Das gilt genauso für Rückzug.

Für Sarkasmus.

Für dieses lange Schweigen, bei dem jeder angeblich nur seine Ruhe haben will und nebenbei sehr genau registriert, ob der andere endlich etwas sagt.

Auch das ist Training.

Nur steht selten jemand daneben und ruft:

„Sauber! Genau so festigen wir das.“


Nenn mir einen Grund, warum das besser sein soll

Wenn Du ohnehin jeden Tag übst:

Warum ausgerechnet das, was euch seit Jahren auf die Nerven geht?

Warum den Satz weitertrainieren, nach dem das Gespräch regelmäßig kippt?

Warum weiterhin die Rolle übernehmen, die Du längst hasst?

Warum immer schneller im Rückzug werden?

Warum noch besser darin werden, einen Streit bereits mit einem Blick zu eröffnen?

Manche Paare sind nach zwanzig Jahren so eingespielt, dass sie für einen kompletten Konflikt kaum noch Dialog brauchen.

Ein Seufzer.

Eine hochgezogene Augenbraue.

„Ach, vergiss es.“

Abspann.

Das ist beeindruckende Teamarbeit.

Nur leider für das falsche Spiel.


Was wäre, wenn Du eine einzige Stelle neu trainierst?

Hier wird die Sache kleiner.

Du musst eure Beziehung heute nicht reparieren.

Du musst auch nicht herausfinden, ob alles an seiner Mutter, Deiner Kindheit oder dem Jahr 2014 liegt.

Nimm eine Situation.

Zum Beispiel diese:

Ihr seid bei Freunden eingeladen.

Auf dem Heimweg sagt er:

„Du warst heute wieder ganz schön still.“

Früher antwortest Du:

„Was hätte ich denn sagen sollen? Du hast doch sowieso die ganze Zeit geredet.“

Jetzt kennst Du den weiteren Verlauf.

Er verteidigt sich.

Du lieferst Beispiele.

Er sagt, Du übertreibst.

Du erinnerst Dich plötzlich an den Geburtstag von Petra vor zwei Jahren.

Petra schläft längst.

Ihr streitet trotzdem noch über sie.

An genau dieser Stelle kann Training anfangen.

Diesmal lässt Du den alten Satz liegen.

Du sagst:

„Ich habe mich heute neben Dir ziemlich überflüssig gefühlt.“

Was danach passiert, kann ich Dir vorher nicht versprechen.

Das wäre auch unseriös.

Aber eines ist bereits passiert:

Du hast Deine alte Reaktion diesmal nicht wiederholt.

Das ist der erste andere Ball.


Beziehung verändert sich oft an erstaunlich kleinen Stellen

Da ist die Nachricht:

„Bin später da.“

Früher kommt zurück:

„Wie immer.“

Diesmal:

„Sag mir bitte ungefähr wann. Dann plane ich meinen Abend.“

Da ist die Frage:

„Was hast Du denn?“

Früher:

„Nichts.“

Diesmal:

„Ich bin gerade sauer auf Dich. Gib mir zehn Minuten.“

Da ist dieser Klassiker:

„Sag doch einfach, was ich machen soll.“

Früher übernimmst Du wieder die komplette Einsatzleitung und ärgerst Dich anschließend darüber, dass Du die Einsatzleitung hast.

Diesmal:

„Such Dir bitte selbst zwei Dinge aus, die heute erledigt werden müssen.“

Keine dieser Antworten rettet eine Beziehung zwischen Vorspeise und Dessert.

Darum geht es auch gar nicht.

Du beginnst, etwas anderes zu wiederholen.

Und Wiederholung ist nun einmal ziemlich gut darin, Dinge vertraut zu machen.

Das gilt leider für schlechte Reaktionen.

Zum Glück gilt es auch für bessere.


Das Schwierige ist oft gar nicht das Verstehen

Viele Paare, mit denen ich spreche, können ihre Beziehung sehr gut erklären.

Sie wissen, was passiert.

Sie wissen sogar häufig, warum.

Sie können den Ablauf fast vorhersagen.

„Wenn ich das anspreche, fühlt er sich kritisiert. Dann erklärt er sich. Dann werde ich sauer, weil er wieder nur erklärt. Dann macht er zu.“

Analyse abgeschlossen.

Nur sitzt der Ablauf am Dienstagabend wieder mit am Tisch.

Das ist der Moment, an dem Wissen allein wenig ausrichtet.

Du brauchst eine Stelle, an der Du anders handelst.

Und die muss klein genug sein, damit Du sie im echten Leben erwischst.

Mit Einkaufstasche in der Hand.

Mit 17 ungelesenen Nachrichten.

Mit Hunger.

Mit einem Partner, der gerade keines Deiner Bücher über Beziehungen gelesen hat.

Also unter realistischen Wettkampfbedingungen.


Genau deshalb möchte ich keine große Geschichte von Dir

Schick mir eine Szene.

Eine echte.

Etwas, das in den letzten Tagen passiert ist.

Der Moment, bei dem Du hinterher dachtest:

Warum landen wir eigentlich immer wieder genau hier?

Fünf Sätze reichen.

Was ist passiert?

Was hat Dein Partner gesagt oder getan?

Wie hast Du reagiert?

Ich schaue mir diese Situation an und schicke Dir einen ersten Trainingsschritt zurück.

Keinen Zehn-Punkte-Plan.

Eine Sache.

Etwas, das Du beim nächsten ähnlichen Moment ausprobieren kannst.

Dann testest Du es im Alltag.

Dort gehört es hin.


Und danach?

Dann merkst Du ziemlich schnell, ob Dir diese Art zu arbeiten liegt.

Falls Du nach meiner Antwort denkst:

Ja. Genau so will ich weitermachen.

Dann gibt es dafür den Paarkitt-Trainings-Club.

Dort arbeiten wir weiter mit echten Situationen. Mit Deinen. Mit denen anderer Paare. Mit den Momenten, an denen Beziehung tatsächlich passiert.

Über eine Mitgliedschaft musst Du heute noch nichts entscheiden.

Erst einmal interessiert mich nur eine Sache:

Was trainierst Du gerade immer wieder, obwohl Du längst merkst, dass es euch nicht guttut?

Teste die Idee an eurer eigenen Situation.

Schick mir eine Szene, bei der Du hinterher dachtest:
Warum landen wir eigentlich immer wieder genau hier?

Fünf Sätze reichen. Ich schaue darauf und schicke Dir einen ersten Trainingsschritt zurück.

Dann probierst Du ihn aus.

[Meine Situation testen]


ÜBER DEN AUTOR

Autor

Ole Böseke

Ole arbeitet mit Paaren an den Momenten, in denen Gespräche kippen. Kooperation versteht er als Entscheidung im richtigen Moment. Seine Arbeit verbindet Beziehung mit Training: beobachten, üben und im Alltag früher anders reagieren.

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